Leipzig - Freundlichkeitskampagnen, Sprachkurse und Taxi- Knigge: Politik und Wirtschaft fürchten um das Image der Nation. Bei der Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft hat Deutschland neben dem Rasen mit unzähligen Schulungen schon sein Bestes gegeben.
Viel Wirbel um nichts, meint Arne Germann vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Die Weltmeisterschaft werde im Umgang mit ausländischen Gästen eine positive Eigendynamik entwickeln. Dass Deutschland nach den Schulungen auf Dauer freundlicher wird - da hegt der Psychologe starke Zweifel. Seminare zum richtigen Umgang mit fremden Völkern anzubieten, ist nach Ansicht Germanns steif und typisch deutsch. Einige Beispiele: Der Betreiber des Frankfurter Flughafens unterweist Mitarbeiter in einer Offensive des Charmes. Gäste werden auf Englisch, Französisch, Portugiesisch oder Spanisch begrüßt. Auch Details über Land und Leute der sieben in Frankfurt landenden Mannschaften musste das Bodenpersonal büffeln.
Nicht minder freundlich soll die Reise weitergehen. Ein Ausbilder der Deutschen Bahn AG bringt seit Monaten eigenen Mitarbeitern und externen Servicekräften wie Gastronomen, Ordnungskräften in Stadien oder Autovermietern alles rund ums Thema Gastfreundschaft bei; Taxi- Betriebe an den Austragungsorten drängen ihre Fahrer zu Crash-Kursen für bessere Sprach- und Ortskenntnisse. Von der neuen Freundlichkeit und dem angelernten Wissen werde auf Dauer nicht viel hängen bleiben, befürchtet Germann. Dazu sind die Schulungen viel zu oberflächlich.
Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sorgt sich um einen Rückfall in die Normalität, wenn das Adrenalin der WM erst abgebaut ist. Wir hoffen, dass es immer wieder Nachschulungen geben wird, sagt Stefan Jugelt vom Vorstand. In der laufenden Kampagne gebe es zudem noch Schwächen, vor allem bei Auskünften in Englisch. Bei überraschenden Störungen - wenn Kunden besonders auf Auskünfte angewiesen sind - da haperts noch, sagt Jugelt. Generell seien Angestellte im Fern- und Nahverkehr heute aber freundlicher als wenige Jahre zuvor.
Im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen lernen Polizisten für die WM Weltbürgerkompetenz, anderswo wurde Dienstleistern in Rollenspielen da A und O des guten Benehmens im Umgang mit Fremden beigebracht. Im gesamten Bundesgebiet lassen sich Service-Botschafter schulen, um den ausländischen Gästen stets lächelnd zur Seite zu stehen. Unter dem Motto Überall am Ball macht Bayern seine Bereitschaftspolizei mit ungewöhnlichen Sitten vertraut. Arabern die Fußsohle zu zeigen, deute diesen zum Beispiel Abneigung an, lernen die Beamten. Nach dem Motto: Ich trete Dich mit Füßen. Aus Rücksicht auf Fremde sollten Polizistinnen morgens nicht zum engsten Diensthemd greifen, heißt es.
Ein kulinarisch-logistisches Problem stellt sich nach der Landung der Nationalmannschaft von Togo im bayerischen Wangen: Woher bekommt man ausreichend landestypischen Papageienfisch, um mehr als 20 hungrige Fußballer satt zu bekommen? Dabei ist das Problem des Quartiers der Togoer rein hausgemacht: Die afrikanischen Betreuer hatten zur Verpflegung keine Sonderwünsche geäußert. Das Eifern um besondere Freundlichkeit in Deutschland hält Germann für ziemlich gekünstelt. Er rät in den verbleibenden Wochen der Vorbereitung zu Gelassenheit und Gottvertrauen: Wir werden schon ein guter Gastgeber sein.
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