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Die Wirtschaftserwartungen zur Fußball-WM | 2006-05-24


Hamburg - Zwei Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft macht sich bei der deutschen Wirtschaft neben Euphorie auch Skepsis breit. Zwar will jeder ein besonders großes Stück vom Fußball-WM- Kuchen und setzt auf höhere Umsätze.

Doch es gibt auch Zweifel am Mythos, das Großereignis sei für die Branche ein Wachstumsmotor. Unter den Skeptikern ist etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. In einer aktuellen Studie bewerten die Forscher die WM als wichtiges sportliches und kulturelles Ereignis - aber ohne nennenswerte gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Zwar dürfte die WM den Kauf von Elektro- und Sportartikeln ankurbeln, heißt es. Ein Anstieg des privaten Konsums insgesamt ist aber nicht zu erwarten.

Die Investitionen in Stadien und Verkehrswege seien über Jahre verteilt und für spürbare gesamtwirtschaftliche Effekte zu gering gewesen. Und auch das zusätzliche Geschäft durch ausländische WM-Besucher dürfe nicht überschätzt werden - denn möglicherweise reisten andere Touristen wegen des Spektakels nicht nach Deutschland.

Auch andere Volkswirte und Wirtschaftsinstitute sind wenig euphorisch. Bei den ökonomischen Erwartungen ist es wie mit der Hoffnung auf unsere Nationalmannschaft: Man darf sie nicht zu hoch ansetzen, sagt Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Großbanken haben berechnet, dass eine WM genauso wie Olympische Spiele nur minimale Auswirkungen auf große Volkswirtschaften hat. Volkswirte schätzen den Beitrag des Spektakels zum Konjunkturwachstum zwischen nahezu Null und 0,25 Prozentpunkten ein. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag erwartet beim Bruttoinlandsprodukt 2006 einen WM-Aufschlag von 0,33 Prozentpunkten.

Einzelne Branchen haben dennoch Grund zum Jubeln: Der Verkauf von Flachbildschirmen, die die Wohnzimmer in kleine WM-Kinos verwandeln sollen, läuft beispielsweise wie geschmiert. Beim TV-Geräte-Hersteller Loewe kletterte der Umsatz im ersten Quartal kräftig - die Erlöse stiegen um 38 Prozent auf 88,7 Millionen Euro. Im Gesamtjahr rechnet Loewe mit einem Umsatz zwischen 340 und 350 Millionen (Vorjahr: 318 Millionen) Euro. Beim Konkurrenten Philips soll sich der Umsatz von Flachbildfernsehern mehr als verdoppeln.

Auch beim Sportartikelhersteller adidas läuft das Geschäft mit Fußball-Produkten rund. Vorstandschef Herbert Hainer hob die Umsatzerwartungen allein für die Fußballsparte von einer auf mehr als 1,2 Milliarden Euro an. Die WM-Kollektion von Puma beflügelt ebenfalls den Umsatz. Die Prognose für das Unternehmen wurde deutlich angehoben - Puma erwartet nun eine 35-prozentige Umsatzsteigerung auf insgesamt 2,4 Milliarden Euro im Gesamtjahr. Bislang war das Unternehmen von 30 Prozent ausgegangen. Der Verkauf, vor allem der WM-Kollektion läuft sehr gut, versichert ein Sprecher. Und auch die Modellbau- und Spielzeugfirma Revell aus Bünde bei Herford kann sich über ihr WM-Geschäft nicht beschweren: Der Umsatz des Fußballsortiments stieg von 3,5 auf 4,6 Millionen Euro.

Getrübt ist das WM-Fieber aber beispielsweise bei der Berliner Tourismusbranche und Hotellerie: In der Hauptstadt hatte der Fußball- Weltverband FIFA kurzerhand 5000 der 8000 für die WM geblockten Zimmer zurückgegeben. Und auch an anderen Spielorten wurden die Kontingente nicht wie erhofft genutzt. Bangen auch beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband: Erst etwa 60 Prozent Auslastung sei garantiert, kaum mehr als sonst im Frühsommer. Dennoch wird noch fest mit insgesamt 5,5 Millionen zusätzlichen Übernachtungen durch die WM gerechnet.

Für die Werbewirtschaft ist das Großereignis kein Wachstumsmotor. Wir haben keine Werbesekunde mehr und keine Zeitschrift ist dicker geworden, heißt es beim Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft. Die WM ist ein nettes Zusatzgeschäft für die gesamte Branche. Aber sie wird nicht das Allheilmittel sein, meint der Vorstandschef der Agentur Scholz & Friends, Thomas Heilmann. Und auch der oft gepriesene Umsatzkick beim Einzelhandel dürfte eher ausbleiben - Umsatzschub maximal 0,5 bis 1 Prozent, prognostiziert der Präsident des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels, Hermann Franzen.

Nicht nur die Fußball-Welt wartet also gespannt auf den Beginn der WM und vor allem auf das Abschneiden der deutschen National-Elf. Auch die Wirtschaft dürfte kräftig die Daumen drücken - ein gutes Abschneiden könnte, so hofft man noch, die Kauflust der Deutschen antreiben.


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