Berlin - Längst hat Jürgen Klinsmann das gemacht, was er noch als Beobachter aus der Ferne im ungemütlichen EM-Sommer 2004 nach dem K.o. der Nationalmannschaft in der Vorrunde angekündigt hatte.
Er hat beim DFB unter jeden Stein geschaut, er hat den größten Sportfach-Verband der Welt umgekrempelt und teilweise in Verwirrung gestürzt, er hat seine Spieler in kalte Entspannungsbecken gejagt, er hat der deutschen Nationalelf ein neues Gesicht gegeben - er hat aber auch für Skepsis gesorgt. Es ist normal, dass die Arbeit eines Nationaltrainers enorm kritisch beobachtet wird. Jedem gehört ja ein Stück die Nationalmannschaft, erklärte der Wahl-Amerikaner.
Der Bäckersohn, 108-maliger Nationalspieler, Welt- und Europameister war schon in seiner aktiven Zeit nicht der normale Profi. Er spielte in Deutschland, Italien, Monaco und England quasi als Ich-AG, ließ sich Stammplatz-Garantien in den Vertrag schreiben, legte sich mit Trainern an, hasste Trainingslager. Und er ist auch nicht der normale Bundestrainer. Ich bin weder Kaiser noch Berti, betonte Klinsmann in Anspielung auf seine Vorgänger Franz Beckenbauer und Berti Vogts und fügte an: Ich komme aus der Angreiferecke und habe auf dem Platz oft Dinge gewagt, wo weder mein Gegenspieler noch ich wusste, was dabei heraus kommt.
Auch die Zeit als Bundestrainer war ab jenem 29. Juli 2004, als er nach einer chaotischen Suche als Nachfolger von Rudi Völler Bundestrainer wurde, von vielen Überraschungen geprägt. Klinsmann baute sich ein System aus Vertrauten und Spezialisten für seine WM-Mission. Der am 30. Juli 1964 in Göppingen geborene Trainer-Neuling übertrug die amerikanische Business-Schule, durch die ihn seine Lehrmeister Mick Hoban und Warren Mersereau nach Ende der Profi- Karriere in Kalifornien geschickt hatten, auf die von vielen Traditionen geprägte Nationalmannschaft.
Viele Spieler rieben sich die Augen, als die neue sportliche Leitung ihre Philosophie vor dem ersten Länderspiel in Österreich mit einer Power-Point-Präsentation vorstellte oder Extrem-Bergsteiger Stefan Glowacz von dessen Strapazen berichten ließ. Wir sind alle Dinge durchgegangen, die auf die Mannschaft während der WM zukommen werden, berichtete der Schwabe, der die Persönlichkeits-Entwicklung bei seinen Spielern für einen wichtigen Aspekt hält.
Klinsmann setzt auf Powerfußball, auf Begeisterung und auf neue Methoden. Der 41-Jährige wurde immer mehr zum Fußball-Revolutionär, der allerdings ein hohes Risiko geht. Weil er davon überzeugt ist, dass dies der einzige Weg sein kann, um den deutschen Fußball, in den Jahren zuvor von der Weltspitze distanziert, bei einer WM im eigenen Land vielleicht überraschend doch bis hoch auf den Thron zu führen. Wir möchten etwas reißen und bewegen. Wir wollen unseren Stil präsentieren, der mutig und nach vorn gerichtet ist, unterstrich der Bundestrainer, der vor allem auf die Karte Jugend setzt.
Viele Details über die Arbeit des inneren Zirkels, zu dem vor allem Assistent Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff, mit einigen Einschränkungen auch Torwart-Coach Andreas Köpke und Chefspion Urs Siegenthaler gehören, kommen nicht an die Öffentlichkeit. Klinsmann erwartet hundertprozentige Loyalität, dafür gibt er wahnsinnig großes Vertrauen zurück, bemerkt sein einstiger Angriffs-Kollege Bierhoff. Die Abschiebung von Torwart-Legende Sepp Maier, der im Torwart-Duell all zu offen Oliver Kahn protegierte, hatte zeitig auch dem letzten Mitarbeiter im Stab vor Augen geführt, dass Klinsmann konsequent und ohne Kompromisse seine Linie durchsetzt.
Sein Gesellenstück hat der Trainer-Novize Jürgen Klinsmann beim Confederations Cup im Sommer 2005 abgelegt. Und er ist überzeugt, dass ab 9. Juli eine Wiederholung des stimmungsvollen Auftritts gelingt. Klinsmann will Veränderungen, die unumgänglich sind. Dafür legte er sich mit der Bundesliga an, die sich von amerikanischen Fit- Machern und Klinsmanns starrer Haltung provoziert fühlte. Er setzte sogar den allmächtig scheinenden Oliver Kahn als Kapitän und WM-Nummer 1 ab. Wenn ab und zu ein Querfeuer kommt, dann brennt es eben, erklärte Klinsmann nach außen gelassen.
Auch als Bundestrainer ist er ein eher misstrauischen Typ geblieben. Klinsmann will auch als wichtigster DFB-Angestellter seine Unabhängigkeit behalten, rückte in der Wohnort-Diskussion keinen Zentimeter von seinen Vorstellungen ab. Seine Familie, vor allem seine Frau Debbie sowie die Kinder Jonathan (9) und Laila (4) schützt er mit allen Mitteln.
Zwar zeichne Klinsmann ein gewisses Maß an Sturheit aus, doch DFB-Präsident Theo Zwanziger betonte: Jürgen Klinsmann ist ein Top- Trainer, ist geradlinig und konsequent. Ich würde gern mit ihm weiter arbeiten. Die Entscheidung über seine Zukunft aber wird Klinsmann vom Verlauf der WM abhängig machen. Noch weiß keiner, was dabei heraus kommt.
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