Hamburg - Huub Stevens liebt sein knurriges Image. Immer wieder schafft er es seinen Ruf als schmallippiger und übellauniger Fußball-Lehrer zu untermauern.
Wenn er wieder einmal eine dieser zahllosen ungeliebten Pressekonferenzen vor oder nach Fußball-Spielen hinter sich gebracht hat, die Journalisten sich die Zähne an ihm ausgebissen haben oder gar abgewatscht wurden und sich nicht mehr trauen, eine Frage zu stellen, umspielt sein Mund ein kleines Lächeln. Wie schon beim FC Schalke 04, mit dem er 1997 UEFA-Pokalsieger wurde, pflegt Stevens auch beim Hamburger SV sein eigenwilliges Auftreten in der Öffentlichkeit.
Besonders angespannt gab sich der 53-Jährige, als nach einer perfekten Vorbereitung und gelungenem Saisonstart aus heiterem Himmel das Wechseltheater um seinen Kapitän Rafael van der Vaart aufkam. Ich rede überhaupt nicht über einen Niederländer, raunzte er Reporter an, wenn dies nach der Entwicklung in dem Fall fragten. Stevens, der sonst stets betont, wie wichtig das Kollektiv sei und nie Einzelne hervorhebt, stellte sich schützend vor seinen Landsmann, auch als der sich vereinsschädigend verhielt. Keine Diskussion gab es über den Entzug der Kapitänsbinde. Im Gegenteil: Stevens sprach kein schlechtes Wort über van der Vaart. Manch einer in der Mannschaft mag sich gewundert haben über die Sonderrolle, die Disziplin-Fanatiker Stevens seinem Regisseur einräumte.
Auch wenn ein endgültiges Fazit seiner Arbeit erst am Saisonende gezogen werden kann, ist Stevens für Hamburg bisher ein Glücksfall. Als er im Februar kam, fand er eine verunsicherte Truppe vor, der die Richtung und vor allem Punkte fehlten. Stevens Maxime: Die Null muss stehen gab der von Trainer Thomas Doll an der langen Leine gehaltenen Mannschaft den langen Weg zurück zum Erfolg vor. Als zweitbeste Rückrunden-Mannschaft führte Stevens sie von Platz 18 auf Rang sieben - in den UI-Cup. Unter dem einst beinharten Verteidiger hat manch verwöhnter Profi gelernt, dass sich Extra-Würste nicht mehr lohnen. Verpasst ein Spieler Trainingseinheiten - warum auch immer - muss er sie nachholen. Ein einfaches Rezept, das Wirkung zeigte.
Doch Stevens, der morgens oft der Erste und abends der Letzte im Stadion ist, hat auch eine andere Seite. Der zur Perfektion neigende niederländische Sportlehrer, der weder Genever noch Wohnwagen mag, notiert jede Kleinigkeit, sogar die Geburtstage der Spielerfrauen, in seinem Computer. Seine weiche, verletzliche Seite zeigt er, wenn es um seine Familie geht, die getrennt von ihm in der Heimat lebt. Früh hat er lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen. Mit 17 Jahren, als sein Vater - ein Arbeiter in einem Bergwerk - verstarb, übernahm er mit seiner Mutter die Erziehung für zwei Geschwister. Als seine Frau Toos, mit der er seit 31 Jahren zusammen ist, vor Monaten auf der Intensivstation lag, eilte er nach jedem Punktspiel ans Krankenbett.
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