Kabul - Viele der Jungs auf dem ungepflegten Fußballplatz in Kabul sind bitter arm, ihre Trikots sind bunt zusammengewürfelt. Hinter der Tribüne drehen Panzer der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan (ISAF) ihre Runden, Zuschauer haben die Fußballer kaum.
Dabei spielen hier nicht etwa Freizeitkicker - hier trainiert die afghanische Nationalmannschaft. Ihr Coach ist der schwäbische Fußballlehrer Klaus Stärk. Der 53-Jährige und sein Team kämpfen in dem kriegszerstörten Land gegen wohl einzigartige Widrigkeiten. Immerhin: Für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland nahm Afghanistan erstmals überhaupt an einer Qualifikation teil.
Die afghanischen WM-Ambitionen wurden unter anderem durch ein vernichtendes 0:11 gegen Turkmenien zerstört. Auch für die Teilnahme gleich an den nächsten fünf Weltmeisterschaften sieht Stärk schwarz: Die nächsten 20 Jahre sicher nicht, sagt er. Der Fußballlehrer, der früher beim VfB Stuttgart in der Amateur-Oberliga spielte und sich heute als Entwicklungshelfer sieht, macht sich keine Illusionen. Seine Mannen hätten zwar Talent und seien spielfreudig, doch kickten sie noch auf Verbandsliganiveau. In Afghanistan fehle es an richtigen Fußballplätzen, an ausgebildeten Trainern, und vor allem: Es gibt keinen richtigen Liga-Spielbetrieb.
Mannschaften treten nur in den Provinzen gegeneinander an. Fahrten zu weiter entfernten Spielen sind zu teuer und in jenen Landesteilen, wo die radikal-islamischen Taliban kämpfen, auch zu unsicher. Zwar fehlt es in Afghanistan nicht an Fußballbegeisterung, dafür mangelt es aber an allen Ecken und Enden an Geld. Nicht einmal die Nationalspieler werden bezahlt. Erschwerend kommt hinzu: Kurz bevor Stärk im September 2004 vom Deutschen Fußball-Bund und dem Nationalen Olympischen Komitee nach Kabul entsandt wurde, war Afghanistan fast die ganze damalige Nationalmannschaft abhanden gekommen.
Vor einem Freundschaftsspiel in Italien setzte sich im April 2004 ein Großteil der Spieler ab - sie zogen es vor, im reichen Westen im Untergrund zu leben und nicht wieder in ihre nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg verarmte Heimat zurückzukehren. Es war nicht das erste Mal, dass eine afghanische Nationalmannschaft quasi verschwand: Nach dem Einmarsch der Roten Armee sollte die Auswahl Afghanistans 1980 zu den Olympischen Spielen nach Moskau reisen. Die Spieler verweigerten die angeordnete Geste der angeblichen afghanisch-sowjetischen Freundschaft. Die meisten flohen - viele von ihnen nach Deutschland.
Einer der Kicker, die damals in die Bundesrepublik kamen, ist Ali Askar Lali, der inzwischen einen deutschen Pass besitzt und gemeinsam mit Stärk das neue afghanische Team trainiert. Ich habe immer davon geträumt, nach Afghanistan zurückzukehren und etwas für den Fußball zu tun, sagt Lali, der in Deutschland beim Oberligisten SC Paderborn spielte. Gott sei Dank, ich habe es erreicht. Lali war es denn auch, der die Familien der Spieler vor einem Trainingslager im vergangenen Herbst im Thüringer Wald aufsuchte und ihnen und seinen Fußballern einbläute, sich bitte, bitte nicht abzusetzen.
Mit Erfolg: Alle Spieler kehrten wieder zurück in ihre Heimat. Zum Glück, sagt Stärk: Wenn die wieder abgehauen wären, dann wäre der Fußball in Afghanistan lange Zeit tot gewesen. Das hätte man uns hier nicht verziehen. Dass die Spieler zurückkehrten, heißt aber nicht, dass sie nicht weiter vom Westen träumen - nur wollen sie sich ihren Weg dahin erarbeiten. Ich hoffe, irgendwann in Europa spielen zu können, am liebsten beim FC Barcelona, sagt der Stürmer Hafeez Qadami. Der 22-Jährige verließ seine Familie im iranischen Exil und ging nach Kabul, um Teil der afghanischen Auswahl zu werden. Ich werde jeden Tag besser, weil ich sehr gute Trainer habe, sagt er.
Für Islam Hamiri, mit 17 Jahren der jüngste Spieler, ist ein Traum schon in Erfüllung gegangen. Mit sechs Jahren habe ich zu Allah gebetet, eines Tages Teil der Nationalmannschaft zu sein. Inzwischen werde er sogar schon auf der Straße erkannt, sagt er voller Stolz. Irgendwann wolle er für einen großen europäischen Verein wie Manchester United spielen. Mag es auch an vielem mangeln, an Motivation fehlt es weder Hamiri noch seinen Teamkameraden. Und so stellen sich dann doch erste Erfolge ein. Ende vergangenen Jahres gewann Afghanistan, damals auf Platz 179 der Weltrangliste, 2:1 gegen Sri Lanka. Der Weltfußballverband FIFA sprach von einer Sensation.
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