Hamburg - Eine solche Dominanz wie 1958 in Schweden hatte es in der 28-jährigen Geschichte der FIFA-Weltmeisterschaften noch nicht gegeben. Mit Fußball wie von einem anderen Stern begeisterte Brasilien bei dem Turnier vom 8. bis 29. Juni Freund und Feind gleichermaßen.
Folgerichtig holte sich die Seleçao im sechsten Anlauf den heiß begehrten Titel, den in der Geburtsstunde des Weltstars Pele auch keine andere Mannschaft verdient gehabt hätte. Einer Gazelle gleich tanzte der 17-Jährige durch die gegnerischen Reihen und vollführte am Ball wahre Wunder. Doch auch die anderen Zauberer mit ihren magisch klingenden Künstlernamen zelebrierten Fußball als Fest und nicht als Kampf auf Biegen und Brechen. Der Ball lief so schnell durch ihre Reihen, dass es einem schwindelig werden konnte.
Nur beim torlosen Kick gegen England im zweiten Spiel der Vorrunde stotterte der Motor der Mannschaft vom Zuckerhut. Dann aber waren Didi, Vava, Zito, Zagallo oder Garrincha nicht mehr aufzuhalten. Die grandiosen Stürmer in ihren gelb-grünen Trikots beendeten die Zeit der Außenläufer und Halbstürmer. Während die zweimaligen Weltmeister Italien und Uruguay schon in der Qualifikation scheiterten, praktizierte Brasilien hemmungslose Offensive im 4-2-4-System und brachte damit den Stern des Edson Arantes do Nascimento zum Strahlen.
Oh dieser Pele! stöhnten seine in Ehrfurcht erstarrten Gegner, die gegen den Instinkt-Fußballer vom FC Santos mit seinen großartigen Reflexen, der unnachahmlichen Ballbehandlung und dem harten Schuss chancenlos waren. Im Viertelfinale gegen Wales (1:0) gelang ihm sein erstes WM-Tor. Mit 17 Jahren und 239 Tagen übertrumpfte er als bis heute jüngster Torschütze einer Endrunde den Mexikaner Manuel Rosas, der 1930 bei seinem Debüt-Treffer 18 Jahre und 93 Tage alt war. Später kam ihm der Engländer Michael Owen 1998 mit 18 Jahren und 190 Tagen am nächsten.
Im Halbfinale mussten auch die brillanten Franzosen klein beigeben. Trotz des mit 13 Treffern noch immer unerreichten WM-Torjägers Just Fontaine ging die Equipe Tricolore ebenso sang- und klanglos unter wie Gastgeber Schweden im Finale. Beide wurden von den Brasilianern mit 5:2 abgefertigt. Vava, Pele (je zwei) und Zagallo waren die Torschützen beim bis heute höchsten Endspielsieg der WM-Geschichte.
Und Titelverteidiger Deutschland? Aus der Elf, die vier Jahre zuvor Ungarn geschlagen hatte, waren nur Fritz Walter, Helmut Rahn, Hans Schäfer und Horst Eckel übrig geblieben. Um sie herum hatte Sepp Herberger eine Mannschaft geformt, die nach einer Serie herber Niederlagen wieder gehobenes Mittelmaß darstellte und deren Hoffnungen auf der Schusskraft von Boss Rahn und einem jungen Stürmer namens Seeler ruhten, den sie in Hamburg Uns Uwe nannten.
Die Hoffnungen des Chefs waren berechtigt. Rahn (zwei) und Seeler schossen im ersten Gruppenspiel das 3:1 gegen Argentinien heraus. Dann holten Rahn und Schäfer einen 0:2-Rückstand gegen die Tschechoslowakei auf, das Tor ins Viertelfinale öffnete Seeler. Im dritten Gruppenspiel, als die Deutschen an Nordirlands Torwart Harry Gregg verzweifelten, gelang dem HSV-Stürmer das 2:2 - zum 1:1 hatte Rahn ausgeglichen. Wie vier Jahre zuvor hieß der Gegner in der Runde der letzten Acht Jugoslawien. Und wieder war es Rahn, der das entscheidende Tor erzielte.
Es folgte der Tiefpunkt in der deutschen Länderspiel-Historie mit dem Hass-Spiel von Göteborg gegen Schweden. Schon Stunden vorher wurden die Zuschauer von ihren Einpeitschern auf das Halbfinale eingestimmt. Heja, Heja, Sverige! hallte es durchs Ullevi-Stadion, was auch den ungarischen Schiedsrichter Istvan Zsolt nicht unbeeindruckt ließ. Am meisten provozierte der unverhohlene Hass, der sowohl den Spielern als auch den Zuschauern des Kriegsverursachers Deutschland galt, Verteidiger Erich Hammer Juskowiak. Er ließ sich zu einem Revanchefoul an Kurt Hamrin hinreißen und wurde dafür nach 59 Minuten vom Platz gestellt.
Es war nicht seine Aufgabe, seinen Gegner für ein Foul zu bestrafen, sagte Herberger, der das Aus im Hexenkessel von Göteborg beeindruckend gelassen mit den Worten kommentierte: Nach dem Spielverlauf ist das 3:1 für Schweden durchaus verdient. Dass der in der 75. Minute verletzt ausgeschiedene Fritz Walter nach seinem 61. Länderspiel, in dem er von Sigvard Parling gnadenlos traktiert worden war, seine internationale Laufbahn beenden würde, erfuhr der Bundestrainer erst später. Ohne den lädierten Walter und Juskowiak sowie Seeler und Eckel verlor der entthronte Weltmeister zwar das Spiel um Platz drei mit 3:6 gegen Frankreich, durfte den Pokal aber erhobenen Hauptes an Brasilien weiterreichen.
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