Hamburg - Im Halbdunkel des Olympiastadions von Rom schlendert ein Mann in eleganter Clubjacke, die Hände tief in der Hosentasche vergraben, mutterseelenallein über den Rasen. Fernab seiner feiernden Spieler ließ Franz Beckenbauer die Fußball-WM 1990 und den dank Andreas Brehmes Strafstoß hart erkämpften 1:0-Finalsieg gegen Argentinien Revue passieren. Der Kaiser war zum zweiten Mal gekrönt worden. Weltmeister als Spieler (1974) und jetzt als Teamchef - das hatte zuvor nur Brasiliens Mario Zagallo geschafft.
Als Endspielgegner der Deutschen hatten viele mit Gastgeber Italien gerechnet. Doch die Azzurri ärgerten ihre Tifosi mit einer Halbfinal- Pleite gegen Argentinien. Erstmals in der 60-jährigen WM-Geschichte trafen damit zwei Länder zum zweiten Mal im Finale aufeinander: Argentinien und Deutschland in der Neuauflage des 86er Finals. Und Beckenbauer war sicher: Jetzt sind wir dran.
Sicher waren sich auch 97,2 Prozent der Bundesbürger. Ohne vier Gelb-gesperrte Stammspieler gelang den Südamerikanern in den 90 Endspiel-Minuten nichts. Diego Armando Maradona, vier Jahre zuvor noch gefeierter Superstar, blieb gegen Guido Buchwald zweiter Sieger und vergoss Krokodilstränen. Brehmes Tor fünf Minuten vor Schluss war ein Geschenk. Rudi Völler fiel im Strafraum, der Pfiff war eine Konzessionsentscheidung, wie Pierre Littbarski treffend beschrieb.
Zum Auftakt hatte sich Argentinien gegen Kamerun mit 0:1 blamiert. Alle Welt dachte an ein Versehen. Doch der 38-Jährige von seinem Staatspräsidenten reaktivierte Roger Milla führte Afrikas Löwen ins Viertelfinale und tanzte eine Eckfahnen-Samba nach der anderen. Das Halbfinale gegen Deutschland war greifbar nahe, bis Gary Lineker Kamerun aus allen Träumen riss und England zum 3:2 nach Verlängerung schoss. Die Fußball-Welt war traurig, und Superstar Pele tröstete die Afrikaner: Für mich seid ihr die wahren Weltmeister.
Peles Urteil über seine Brasilianer fiel weniger schmeichelhaft aus. Schonungslos kommentierte er das 0:1 im Achtelfinale gegen Argentinien: Das war eine spielerische Schande. Deutschland setzte sich in einem 2:1-Krimi gegen Erzrivale Niederlande durch. Beschämend war hier nur die Entgleisung von Lama Frank Rijkaard, der wie Völler vom Platz gestellt wurde und den deutschen Mittelstürmer bespuckte.
Dramatik war in den Halbfinals zwischen Argentinien und Italien sowie Deutschland und England Trumpf. Nach 120 Minuten stand es hüben wie drüben 1:1. Im Elfmeterduell waren Engländer und Italiener die Pechvögel. Trost fand der WM-Gastgeber auch nicht durch Platz drei und die Torjägerkrone für Toto Schillaci (sechs Treffer). Mit dem dritten WM-Titel nach 1954 und 1974 zog Deutschland mit Italien und Brasilien gleichzog.
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