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Schweiz: Deutschlands Wunder von Bern | 2006-02-06


Hamburg - Jetzt Deutschland am linken Flügel. Schäfer, nach innen geflankt. Kopfball - abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt! Toor! Toor! Toor! Toor! Toor für Deutschland! Mit seiner zum Klassiker gewordenen Reportage hat Herbert Zimmermann am 4. Juli 1954 die deutschen Fußball-Fans vor den Radios auf das Wunder von Bern vorbereitet. Halten Sie mich für verrückt, halten sie mich für übergeschnappt, rief er ins Mikrofon und hielt wie die Hörer den Atem an. Viereinhalb Minuten lang, bis der dramatische Schlussspurt der Wunderelf aus Ungarn überstanden war und Zimmermann sein legendäres Aus! Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit drei zu zwei im Finale von Bern! schreien konnte.

In Nachkriegsdeutschland elektrisierte Zimmermanns legendäre Reportage die Massen. Neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durften die Deutschen zurück auf die Weltbühne des Fußballs und sorgten mit ihrem unerschütterlichen Auftreten dafür, dass ein Ruck durch das von der Kriegsschuld gezeichnete Land ging.

Es gab damals nur etwa 20 000 Fernseher in Deutschland, und die Menschen drängten sich während des Endspiels vor den Radiogeräten. Später wurde sogar die Fernsehübertragung mit Zimmermanns Live- Kommentar unterlegt, das Zeitdokument auf Schallplatte und CD gepresst. In zahlreichen Büchern wird jede Facette des ersten deutschen Titelgewinns beleuchtet, bis hin zu nie bestätigten Dopingvorwürfen der Ungarn. Mit seinem Kassenschlager Das Wunder von Bern sorgte Regisseur Sönke Wortmann noch fast 50 Jahre später in deutschen Kinos für Gänsehaut-Atmosphäre.

Die Rollen waren klar verteilt an diesem verregneten Nachmittag im Berner Wankdorf-Stadion. Was wollten die biederen deutschen Fußball- Handwerker gegen die Jahrhundert-Elf der Magyaren mit Ferenc Puskas, Sandor Kocsis, Nandor Hidegkuti, Zoltan Czibor oder Gyula Lorant ausrichten? Die Lage schien aussichtslos, zumal es nach dem erfolgreichen Auftakt gegen die Türkei (4:1) im Gruppenspiel gegen Ungarn ein 3:8 gegeben hatte.

Die Vorrunden-Partie am 20. Juni in Basel gegen den Olympiasieger, der in 31 Spielen nacheinander und über vier Jahre hinweg ungeschlagen geblieben war, zählte für Bundestrainer Sepp Herberger nicht wirklich. Bis heute ist es die höchste Pleite einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die als erstes Team trotz einer Niederlage Weltmeister wurde. Mit einer Notelf angetreten, hatte Herberger dem Gegner den standesgemäßen Sieg geschenkt.

Noch freilich konnte er nur hoffen, dass sich der nie als solcher zugegebene Bluff auch auszahlen würde. Mit besonderen Methoden hatte der Chef schon im Trainingslager den Grundstein gelegt. Der Geist von Spiez wird noch heute zitiert. Fünf Wochen hatte Herberger sein Team kaserniert: vierzehn Tage in München-Grünwald, danach am Thuner See. Immer friedlich war es zwar nicht, aber Fritz Walter, Helmut Rahn, Horst Eckel, Anton Toni Turek oder Werner Liebrich wurden zu einer verschworenen Gemeinschaft.

Herberger vertraute vor allem auf den Lauterer Block um Fritz Walter, der sein verlängerter Arm auf dem Platz war und seine Loyalität bisweilen so übertrieb, dass er den WM-Pokal dem Chef als Erstem übergeben wollte. Der Kapitän, der mit einem Tor in Norwegen das Aus schon in der WM-Qualifikation verhindert hatte, war Dreh- und Angelpunkt in den Plänen des Bundestrainers. Herberger wollte als Gruppen-Zweiter hinter Ungarn, aber vor der Türkei und Südkorea, ins Viertelfinale einziehen. Denn dann könnte man gegen Ungarn verlieren. Überdies schienen die Gegner in der K.o.-Runde für den Gruppenzweiten leichter zu sein als die für den Ersten.

Die Rechnung ging auf. Deutschland siegte im Viertelfinale nach einer einzigartigen Abwehrschlacht dank des überragenden Torwarts Turek 2:0 gegen das mit Zlatko Tschik Cajkovski und Branko Zebec angetretene Jugoslawien. Durch einen unverhofft hohen 6:1-Erfolg im Halbfinale gegen Österreich war das Endspiel der mit 140 Treffern in 26 Spielen noch immer torreichsten WM erreicht. Ungarn hatte im Viertelfinale gegen Brasilien (4:2) und im vorweggenommenen Endspiel gegen Titelverteidiger Uruguay (4:2 nach Verlängerung) die ungleich höheren Hürden zu überwinden.

30 000 deutsche Schlachtenbummler sorgten dann im Finale für die Atmosphäre eines Heimspiels. Auch der strömende Regen, das so genannte Fritz-Walter-Wetter, kam dem Außenseiter zu Hilfe. Dass Ungarns Regisseur Ferenc Puskas trotz einer Knöchelverletzung spielte, sollte sich als dritter Pluspunkt erweisen, auch wenn es nach neun Minuten schon 2:0 für den Topfavoriten stand. Doch Morlock=- förmlich mit dem großen Zeh drückte er einen Rahn-Pass über die Linie - und der Boss, Helmut Rahn, glichen nach 18 Minuten aus. Es folgte die 84. Minute, die das von Zimmermann legendär geschilderte 3:2 brachte und den Mythos vom Wunder von Bern begründete.


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