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WM-Stadt Berlin: Vorfreude verdrängt Schuldenstand | 2005-12-07


Berlin - Der Countdown für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat in Berlin so früh wie in keiner anderen deutschen Stadt begonnen. Schon 1000 Tage vor dem WM-Anpfiff eröffnete Franz Beckenbauer am Brandenburger Tor die Tour des Fußball-Globus durch Deutschland.

Seitdem scheint es, als würden die Bürger und das politische Berlin jeden Tag der Vorbereitung genießen. 500 Tage vor Beginn des Weltereignisses steht mehr denn je fest, dass Berlin als Schauplatz des WM-Eröffnungsfestes durch den Welt-Fußballverband FIFA am 8. Juni 2006 und des Endspiels am 9. Juli 2006 weit über den grünen Rasen hinaus frisches Selbstvertrauen schöpft.

Nicht einmal die mageren Aussichten auf WM-Tickets und der Wettskandal um den unter Manipulationsverdacht stehenden Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer konnten zuletzt die vielfach in den Medien und in der Politik spürbare Euphorie trüben. Der Fußball versperrt in der öffentlichen Diskussion zeitweise sogar den Blick auf die fast 60 Milliarden Euro Schulden und andere Image-Schäden der Hauptstadt.

Auch die jämmerliche Pleite bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 ist so gut wie vergessen. Berlin hat das Gefühl, international wieder gefragt zu sein. Die Vergabe der Leichtathletik-WM 2009 in das für 242 Millionen Euro grundsanierte Olympiastadion war ein weiterer Beweis für wieder gewonnene Stärke. Die WM im Beachvolleyball und das Deutsche Turnfest waren 2005 weitere Höhepunkte. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) versteht die Fußball-WM als einmalige Chance für die Zukunft der gesamten Stadt. Sein WM-Senatsbeauftragter Jürgen Kießling sagte der dpa: Wir stehen sehr gut da. Die WM hat in der Bürokratie viele Türen geöffnet.

Auch für Innenminister Otto Schily (SPD) besteht kein Zweifel, dass Berlin wieder einmal ganz vorne liegt. Kann sich jemand vorstellen, dass ein Eröffnungsfest und das Finale in Marseille statt in Paris oder in Manchester statt in London stattfindet?, fragte er. Mit solcher Unterstützung von Anfang an ist dank des Fußballsports in Berlin der seltene Fall eingetreten, dass die Politik regional und national, die Wirtschaft, die Kultur und der Sport tatsächlich einmal alle zugleich an einem Strang ziehen - und dies auch noch in dieselbe Richtung.

Der Tourismus boomt wie nie. Mit über 13 Millionen Übernachtungen feierte Berlin 2004 einen historischen Rekord. Diese Bestmarke soll 2006 noch einmal klar übertroffen werden. Die Erwartungen sind berechtigt: Bereits am 10. April 2003 teilte das Hotel-Flaggschiff der Stadt, das Adlon, mit, dass Buchungsanfragen nur noch Platz auf der Warteliste haben, da das Adlon schon ausgebucht ist. Diese Auskunft bekommen Anrufer aus der ganzen Welt längst auch von anderen Luxushäusern. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH rechnet sicher damit, dass die mehr als 70 000 Hotelbetten voll belegt sein werden.

Die Wirtschaft hat sich schon ausgerechnet, dass jeder WM-Gast zwischen 532 und 798 Euro in der Stadt lassen wird. Die Internationale Tourismusbörse wird in diesem Frühjahr schon stark im Zeichen der WM-Werbung stehen. Der Senat präsentiert Berlin in diesem Jahr bei der Expo in Japan komplett als kommende Fußball-Hauptstadt des Globus. Auch lokal ist das Geschäft längst angelaufen. Folgerichtig ist in Berlin von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Organisationschef Beckenbauer schon im September 2004 der erste von rund 300 bundesweiten WM-Shops eröffnet worden.

Auch auf allen anderen Ebenen wird mit Eifer und Begeisterung für die Fußball-WM gewerkelt. Die Bahn lässt seit Jahren fast rund um die Uhr arbeiten, damit der gigantische Hauptbahnhof/Lehrter Bahnhof als zentrale Drehscheibe 2006 den gesamten Zugverkehr bewältigen kann. Der U-Bahnhof Olympiastadion wird umgebaut. Die so genannte Kanzler-U-Bahn, ein Abschnitt im Regierungsviertel, soll rechtzeitig fertig werden.

Die geschäftige Stimmung soll zur WM in eine Dauer-Party münden. Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor wird die Straße des 17. Juni im Sommer 2006 mehr als vier Wochen einzigartigen Feier-Meile ohne Polizeistunde. Wie sonst nur an Silvester sollen sich jeden Tag mehr als eine Million Menschen versammeln und vor mehreren Großleinwänden König Fußball huldigen. Das Olympiastadion ist für alle sechs WM-Spiele in Berlin sowieso ausverkauft.


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