Berlin - Am Tag danach bemühten sich die hilflosen Spieler und die ratlosen Chefs eines Trümmerhaufens namens Hertha BSC um Schadensbegrenzung. Der Mannschaftsrat tagte mit Trainer und Manager über zwei Stunden, weitere Krisengespräche sollen bis zum Schalke-Spiel folgen.
Das kann so nicht weiter gehen, monierte Dieter Hoeneß, der erste Alarmsignale schon Mitte November vergangenen Jahres ausgemacht hatte. Da sind Dinge in der Mannschaft entstanden, die Sand ins Getriebe gebracht haben, betonte der Manager, ohne näher auf Ursachen einzugehen.
Mit einem spielerischen Offenbarungseid hatten sich die Berliner im UEFA-Cup in die größte sportliche Krise seit dem Beinahe-Abstieg in der Saison 2003/04 manövriert. Das leidenschaftslose 0:1 gegen Rapid Bukarest gepaart mit erneut zwei Roten Karten und lautstarken Unmutsbekundungen der treuesten Fans brachte das Fass in der Hauptstadt zum Überlaufen. Wir können gewisse Dinge nicht einfach laufen lassen, erklärte Hoeneß zum sportlichen Niedergang und den zunehmenden Disziplinlosigkeiten.
Trainer Falko Götz hätte am liebsten einige Profis direkt nach der Pleite aus dem Team verbannt, angesichts der angespannten Personal-Situation vor dem Spiel gegen Schalke verzichtete der Chefcoach jedoch auf Suspendierungen. Wir halten uns aber Entscheidungen offen, ergänzte Götz und wollte auch Konsequenzen für den seit Wochen formschwachen Superstar Marcelinho nicht mehr ausschließen: Wir müssen sicher darüber sprechen. Eine mögliche Degradierung des Brasilianers will er auch von einem Gespräch mit Marcelinho abhängig machen: Wir wollen ihm helfen, aber es muss auch ein klares Zeichen von ihm kommen.
Auch Götz und Hoeneß gerieten nach dem neunten Pflichtspiel ohne Sieg in den Fokus der Kritik. Mit Hoeneß raus-Sprechchören machte ein großer Teil der 13 430 Fans - weniger Zuschauer waren seit über drei Jahren nicht ins Olympiastadion gekommen - dem Ärger über falsche Personalentscheidungen und das Schönreden der vergangenen Wochen Luft. Seit 4. Dezember hat Hertha kein Spiel mehr gewonnen. Der Boulevard in der Hauptstadt fragte bereits nach der Zukunft des Trainers. Hertha am Ende! Götz auch?, titelte die Bild-Zeitung. Und die B.Z. beobachtete: Trainer Götz fängt an zu wackeln. Der Manager versuchte, das Thema im Keim zu ersticken: Auf die Frage zum Trainer gehe ich nicht ein. Und Kapitän Arne Friedrich ergänzte: Das ist zu einfach. Wir wissen alle, dass wir Mist gebaut haben.
Fakt ist: Dem Team fehlt eine Hierarchie, die Entwicklung einer personellen Struktur wurde langfristig verpasst. Führungsspieler wie Dick van Burik, Yildiray Bastürk und auch Friedrich müssen sich mehr mit der eigenen Form beschäftigen als mit der Führungsrolle. Seit Jahren konnte das Management die Sturm-Schwäche nicht beheben. Probleme entwickelten sich zudem aus der großen Jugend-Fraktion im Team. Korrektur-Versuche im jüngsten Trainingslager schlugen fehl. Und der Trainer fand auch bei seinen taktischen Entscheidungen, vor allem bei seinem Festhalten an nur einer Sturmspitze, nicht nur Fürsprecher. Friedrich sagte ausweichend: Ich habe meine Meinung, der Trainer hat seine Meinung, lassen wir uns überraschen.
Dass angesichts der Personalnot - mit den gesperrten Friedrich und Malik Fathi sowie den verletzten Josip Simunic, Oliver Schröder und wohl auch van Burik fällt eine komplette Abwehr aus - nun ausgerechnet gegen Schalke der Befreiungsschlag gelingt, scheint mehr ein Wunsch. Die Konstellation bedeutet nicht nur eine Chance, sondern auch Risiko, weiß auch Hoeneß. Götz Auftrag aber ist auch für die Nachrücker klar: Es geht darum, dass nun Taten folgen.
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