Bern - Unglücksrabe Raphael Wicky konnte nicht schnell genug aus dem Berner Stade de Suisse fliehen. Wortlos und ohne Blickkontakt stürmte der Mittelfeldspieler des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV an Journalisten und Autogrammjägern vorbei in den Mannschaftsbus.
Wicky wollte die Stätte der Schande umgehend verlassen. Ausgerechnet der Schweizer Nationalspieler hatte gegen seine Landsleute vom FC Thun einen kapitalen Bock geschossen, der zum 1:0-Erfolg der Eidgenossen im Hinspiel der dritten UEFA-Cup-Runde führte. Dabei wird Wicky die Erkenntnis kaum trösten, dass das gesamte HSV-Team wirr spielte.
In der Bundesliga träumt der Tabellenzweite von der Qualifikation für die Champions League, doch bereits eine Etage tiefer im UEFA-Cup kommt das Team gegen einen biederen Rivalen derzeit ins Straucheln. Anspruch und Wirklichkeit beim letztjährigen Gipfelstürmer HSV klaffen in diesem Jahr weit auseinander. Das weiß auch Thomas Doll. In seiner Spielanalyse wollte der 39 Jahre alte Trainer kein verbales Schlachtfest anrichten. Er beließ es bei der Erkenntnis: Das war zu wenig. Der Biss hat gefehlt.
Die dritte Auswärts-Niederlage hintereinander (Nürnberg, Hannover, Thun) macht deutlich: Die Respektlosigkeit und Frische auf fremdem Grund ist wie weggeblasen. In der Hinrunde gab es einschließlich der internationalen Einsätze lediglich eine Niederlage in 15 Auswärtsspielen, jetzt ist der HSV in der Fremde ein Punktelieferant. Es beunruhigt mich nicht, aber wir sollten nachdenken, das eine oder andere auswärts zu ändern, befand Doll. Der Anfang soll bei Eintracht Frankfurt gemacht werden. Um dort mit aufgeladenem Akku antreten zu können, reisten die Hamburger unmittelbar nach Spielschluss per Charterflieger zurück an die Elbe.
Doch vor dem Ausblick auf Künftiges will Doll das Vergangene aufarbeiten. Die Mehrheit der 18 354 Zuschauer in Bern hatte die brotlose Kunst des namhaften Rivalen aus der Bundesliga erstaunt: Quer- und Rückpässe zuhauf, keine Steilpässe in die Spitze, um die kompromisslose Abwehr der Schweizer auszuhebeln. Wir haben das Spiel des HSV in die Breite gelenkt, verriet der erst zwei Tage zuvor als neuer Trainer inthronisierte Österreicher Heinz Peischl seine List. Die Thuner boten zwar im Vorwärtsgang eine noch dürftigere Vorstellung, doch die Effektivität bei ganzen zwei Chancen war beachtlich: Ein Tor durch Adriano (30. Minute), eingeleitet durch Wickys folgenschweren Fehlpass, und dazu noch ein Lattentreffer.
Doll versprach, was er nach Niederlagen immer verspricht: Nächste Woche werden wir einen ganz anderen HSV sehen. Im Rückspiel sollen den Schweizern die Bälle um die Ohren fliegen, um doch noch das Achtelfinale zu erreichen. Wir werden in die Erfolgsspur zurückkommen. Thun-Trainer Peischl scheint das zu fürchten: Wir sind uns bewusst, was uns in der AOL-Arena erwartet. Aber wir wollen uns gut verkaufen.
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