Berlin - Die beispiellose Abwanderungswelle hat bei den ohnehin nicht verwöhnten Fans des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC Angst und Erschrecken ausgelöst - die Verantwortlich aber wollen von Panik nichts wissen.
Das ist normal, das Problem haben viele Bundesligisten am Anfang einer Saison. Wir haben noch Zeit, uns zu finden, erklärte Neu-Trainer Lucien Favre offiziell zum nicht eingespielten Kader, auch wenn er intern durchaus kritische Töne anschlägt. Manager Dieter Hoeneß, der bisher für elf Abgänge nur drei neue Gesichter präsentieren konnte, sieht kurz vor dem Pokal-Start bei Zweitliga-Absteiger SpVgg Unterhaching keinen Grund für Schwarzmalerei: Es nutzt nichts, jetzt mit Druck zu arbeiten. Qualität geht vor Geschwindigkeit.
Dass Hertha nach einer desaströsen Rückrunde 2006/07 Personal und Zeit davonrennen, hat mehrere Ursachen. Die Hierarchie im Team stimmte seit Monaten nicht, absolute Führungsspieler fehlen. Zwar schafften aus der landesweit angesehenen Nachwuchs-Akademie gleich mehrere Talente den sportlichen Anschluss an Bundesliga-Ansprüche. Doch Ungeduld, mangelndes Sozialverhalten sowie teilweise das Interesse ihrer Berater trieben Jung-Profis wie Ashkan Dejagah (VfL Wolfsburg), Christopher Schorch (Real Madrid) und zuletzt Kevin Boateng (Tottenham Hotspur) weg aus Berlin. Wir müssen einige Punkte überdenken, sagte Hoeneß zur Nachwuchs-Ausbildung, die sich Hertha jährlich 4,5 Millionen Euro kosten lässt. Als eine erste Maßnahme wurde eine pädagogische Fachkraft eingestellt.
Herthas Tanz auf der Rasierklinge ist auch finanziell bedingt. Der Hauptstadtclub kann angesichts der Schulden-Belastung von rund 45 Millionen Euro erst an größere Einkäufe denken, nachdem durch Verkäufe von Profis rund zehn Millionen Euro in die Kassen gespült wurden. Zuletzt wurde für reichlich zwei Millionen Euro der argentinische Angreifer Christian Gimenez, in der Vorsaison mit zwölf Treffern immerhin zweitbester Hertha-Torjäger, zum mexikanischen Club Deportivo Toluca frei gegeben. Dazu sollen noch vier Millionen aus dem Verkauf so genannter Genuss-Scheine kommen.
Zudem gilt Favre, der spät verpflichtet wurde, nicht gerade als schneller Entscheider in Transferfragen. Der neue Coach hat im ersten Monat in Berlin zunächst lange den eigenen Kader überprüft - und einen Teil davon schließlich als untauglich für seine Vorstellungen eingestuft. Schon bei seinen vorherigen Engagements stand Favre für Total-Umbrüche im Kader. Erfolge (zuletzt zwei Mal Meister mit dem FC Zürich) seien nicht von heute auf morgen zu erreichen, betonte der 49-Jährige: Ich brauche Zeit wie auf allen Stationen.
Die wird Favre, der intern schon Unzufriedenheit geäußert hat, in Berlin traditionell aber nur bedingt eingeräumt. Manager Hoeneß, der bis zum Transferschluss am 31. August noch mindestens vier neue Profis holen will, weiß durchaus um die Gefahr und erklärte: Die ersten Spiele sind nicht maßgeblich, es geht um die Entwicklung.
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