Hamburg - Nach dem ersehnten Sieg ohne Gegentor holte den vom Hamburger Publikum mit Sprechchören gefeierten Oliver Kahn das persönliche Dilemma ganz schnell wieder ein.
Die vom Aushilfs-Kapitän so verfluchte Torhüter-Rotation von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zwingt den 36-Jährigen ausgerechnet nach den starken Leistungen in der Türkei (1:2) und beim 1:0 gegen China zur neuerlichen Auszeit beim letzten Länderspiel des Jahres in Paris gegen Frankreich.
Man muss diese Situation, wie sie der Jürgen geschaffen hat, akzeptieren. Das tue ich, wie ich schon oft betont habe. Ich werde nicht dabei sein. Aber das ist schon sehr schade, sagte Kahn betont sachlich - und jeder der umstehenden Reporter hätte in diesem Moment gerne die Gedanken im Kopf des ehrgeizigen Profis lesen können.
Unmissverständlich verdeutlichte Kahn, wie wichtig allein eine permanente Anwesenheit beim Team ist, wie sie Kapitän Michael Ballack vergeblich gefordert hatte. Wie man in den vergangenen Tagen gesehen hat, ist es schon wichtig zu sehen, was sich in der Mannschaft entwickelt und wie die Jungs ticken, wie man sie ansprechen muss, wie sie unter Druck reagieren, wie sie reagieren, wenn die Zuschauer pfeifen. Diese Dinge sind wichtig, auch mannschaftsintern. Deshalb ist es schon schade, dass ich beim Frankreich-Länderspiel nicht dabei sein kann. Einen Vorstoß, Klinsmann umzustimmen, werde er aber nicht unternehmen. Nein, lautete die kurze Antwort auf diese Frage.
Trotzdem durfte sich Kahn bei der Heimreise nach München als größter Gewinner des letzten Doppelspieltags vor der WM fühlen. In der Türkei und gegen die Chinesen war er jeweils der beste deutsche Spieler - am Mittwochabend sicherte er den Zittersieg. Nach seiner Weltklasse-Parade gegen Sun Jihai (44.) hallten sogar in Hamburg Olli, Olli-Rufe durch die Arena. Kahns Feldspieler-Kollegen ernteten dagegen Pfiffe vom Publikum.
Nach zwölf Gegentoren bei seinen letzten fünf Einsätzen seit dem 1:0 Ende März in Slowenien, als für ihn persönlich letztmals die Null gestanden hatte, interessierte Kahn allein das positive Ergebnis. Dieses 1:0 war für die Abwehrspieler für das Selbstvertrauen sehr wichtig. Es war endlich einmal nötig, stabil zu stehen und zu Null zu spielen. Das nimmt doch jeden mit, wenn man in der Defensive spielt und kriegt einfach zu viele Gegentore, erläuterte Kahn.
Im Duell mit seinem Herausforderer Jens Lehmann hat er einen wichtigen Punktsieg errungen. An Kahn als Nummer 1 bei der WM führt nach Klinsmanns Vorgaben kaum noch etwas vorbei. Kahn war ein ruhender Pol. Er kann Spieler anleiten, lobte Team-Manager Oliver Bierhoff. Bis zur Nominierung des WM-Kaders Mitte Mai, wenn auch die Entscheidung über den WM-Torwart spätestens fallen dürfte, muss Kahn zumindest im Nationaltrikot nur noch 90 Minuten gut überstehen. Denn in Frankreich spielt wieder Lehmann, der auch nach dem programmierten Kahn-Einsatz in Italien (1. März 2006) noch eine letzte Chance gegen die USA (22. März 2006) erhalten dürfte.
Kahn denkt dagegen schon ans WM-Eröffnungsspiel am 9. Juni 2006 in München. Dann will er an die Leistungen von 2002 anknüpfen, als er trotz seines schweren Patzers im Finale gegen Brasilien (0:2) zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Mein Ziel ist es, die Form von der WM 2002 wieder zu erreichen. Ich spüre, dass das möglich ist. Vielleicht kann ich es sogar noch ein bisschen toppen.
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