Berlin - Kurz vor dem Start in die neue Bundesliga-Saison hat Bundestrainer Joachim Löw den Druck auf seine EM-Kandidaten erhöht.
Wir erwarten von allen nochmals eine Weiterentwicklung im individuellen Bereich. Das heißt Zusatzarbeit. Wenn ich das bei einem Spieler erkenne, hat er gute Chancen, erklärte der Nationalmannschafts-Chef an seinem ersten offiziellen Arbeitstag der Spielzeit 2007/08 in einem dpa-Gespräch. Löw hat sich mit seinem Assistenten Hansi Flick zur Bestandsaufnahme des Status quo zurückgezogen. Am Wochenende werden wir mit einem großen Stab alle Partien beobachten, in denen Nationalspieler mitwirken, kündigte der Bundestrainer die erste große Sichtung an. Ab sofort ist bereits alles dem großen Ziel Europameisterschafts-Titel untergeordnet.
Für den ersten Test des DFB-Teams am 22. August in London gegen England hat Löw bereits die ersten Entscheidungen getroffen. Als zweiten Torhüter neben Jens Lehmann wird er Timo Hildebrand zum Klassiker im neuen Wembley-Stadion mitnehmen, obwohl der Ex-Stuttgarter bei seinem neuen Club FC Valencia noch hart um seine Position kämpfen muss. Nach einem Telefonat mit Michael Ballack geht Löw wohl eher von einem Ausfall des Kapitäns aus, der sich noch immer mit den Folgen seiner Knöchelverletzung und zweier Operationen plagt. Es geht voran in der Reha, aber er hat jetzt auch lange keine Spielpraxis, berichtete Löw und machte deutlich: In dieser Saison gehen wir mit Verletzungen von Spielern überhaupt keine Risiken ein.
Das würde sogar für die EM-Qualifikation zutreffen, in der Deutschland die Gruppe D mit fünf Punkten Vorsprung auf Tschechien und sechs auf Irland anführt. Letztendlich zählt am Ende der Saison, dass alle bei der EM Form und Gesundheit mitbringen, betonte Löw, der in England auch auf die verletzten Torsten Frings und Lukas Podolski verzichten muss. Da sind wir gezwungen, andere Lösungen zu finden, bemerkte der 47-Jährige, der den Leverkusener Jungstar Gonzalo Castro und auch Bastian Schweinsteiger für die Zukunft eine Rolle im zentralen defensiven Mittelfeld zutraut. Die Position muss man lernen, wie das Torsten Frings über Jahre getan hat. Da gehört viel Disziplin und taktisches Verständnis dazu, Zweikampfstärke, Ballsicherheit. Vieles bringt Schweinsteiger mit. Als Quarterback vor der Abwehr kann ich mir ihn irgendwann durchaus vorstellen.
Löw geht fest davon aus, dass sich Schweinsteiger und auch Lukas Podolski im verschärften Konkurrenzkampf des FC Bayern behaupten werden. Einen Spieler wie Podolski wird Bayern München immer gebrauchen können, unterstrich der Bundestrainer. Es sei in Ordnung, dass sich der 22-jährige Nationalstürmer im Club der Konkurrenz von Toni und Klose stelle: Wenn man das Jahr sieht, wird er eine hohe Anzahl von Spielen machen, wenn er gesund ist.
Auch in der DFB-Auswahl geht Löw von einem zugespitzten Kampf um die EM-Fahrkarten aus. 35 Spieler hatte er in seiner ersten Saison als Nachfolger von Jürgen Klinsmann eingesetzt, darunter gleich 13 Neulinge. Und schon nennt der Bundestrainer neue Namen wie Tasci, Khedira (beide Stuttgart), Neuer oder Pander (beide Schalke): Wir werden mit Spannung zuschauen, wie sich die jungen Spieler weiter entwickeln. Derzeit könnte man bereits rund 20 Profis als Stamm einordnen, dazu nochmals 10 bis 15, die kräftig nachdrängen. Dass unser Kader breiter geworden ist, gefällt uns schon. Ich hoffe, dass die Spieler die ganze Saison um diese Chance kämpfen, sagte Löw.
Das würde durchaus auch auf die etablierten Kräfte in seinem Team zutreffen. Dabei könnten ihre neuen Vereine Leistungsträger wie Klose oder Metzelder nochmals zu neuer Qualität treiben. Miroslav Klose hat gezeigt, dass er seinen Wechsel schnell vollzogen hat. In seinem Alter wird er die Herausforderung annehmen. Er hat immer die richtigen, logischen Schritte in seiner Karriere gemacht, erklärte Löw. Auch für Abwehrchef Christoph Metzelder, der zu Real Madrid gegangen ist, sieht der DFB-Chefcoach eine positive Perspektive: Wenn man ihm Vertrauen gibt und er verletzungsfrei bleibt, ist er eine Größe. Bei uns ist er ohnehin von immensem Wert. Mitte kommender Woche will Löw sein England-Aufgebot offiziell benennen.
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