Zürich - Joseph Blatter rühmt die Verlässlichkeit der deutschen WM-Organisatoren, rügt die egoistische Politik der europäischen Großvereine und sorgt sich um die Belastbarkeit der Profis.
Vor allem aber sieht sich der Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA derzeit als Anwalt der Schiedsrichter und als vehementer Gegner von elektronischer Einflussnahme auf den Fußball. Das Spiel muss sein menschliches Gesicht behalten, menschliche Qualitäten müssen im Vordergrund stehen, und dazu gehören eben auch Fehler. Die muss man dem Schiedsrichter eingestehen, wie man sie ja auch den Spielern eingesteht, sagte der Schweizer in Zürich in einem dpa-Gespräch.
Den Videobeweis will der 69-Jährige deshalb mit aller Macht verhindern, denn wenn der Fußball wissenschaftlich wird, verliert er seine Faszination. Obendrein stellt Blatter die Zuverlässigkeit eines TV-Urteils in Frage, das habe das Siegtor von Luis Garcia im Champions-League-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und dem FC Chelsea bewiesen. Selbst 100 Kameras geben einem nicht die Gewissheit, und ebenso wenig kann ein Tor-Schiedsrichter mit seinem Blickwinkel immer sehen, ob der Ball im Tor ist.
Dem derzeit in Herzogenaurach entwickelten Tor-Chip steht Blatter indes wohlgesonnen gegenüber, er drängt sogar den auch als FIFA-Hauptsponsor engagierten Sportartikelkonzern adidas zur Eile. Er sei hundertprozentig sicher, dass der Chip schon bei der WM 2006 in Deutschland eingesetzt werde, so der FIFA-Boss.
Dass Blatter ein Jahr vor dem WM-Spektakel entspannt und gut gelaunt von seinem Schreibtisch auf den Zürich-See blickt, liegt auch an der Qualität der WM-Organisatoren. Die deutsche Gründlichkeit wird so sein, dass beim Anpfiff alles wieder klappen wird und alles in Ordnung ist. Die Deutschen sind nicht nur tüchtig, es ist auch einfach, mit ihnen zusammenzuarbeiten, lobt er das von Franz Beckenbauer angeführte OK, wenngleich er sich gelegentlich etwas mehr Zurückhaltung wünscht. Es müsse immer wieder insistiert werden, dass es ein World Cup der FIFA ist, der von Deutschland organisiert wird, und nicht der deutsche World Cup, bei dem die FIFA als Zuschauer dabei sein darf.
Weitaus größer sind die Differenzen, die Blatter mit den Vereinen hat, vor allem mit der G14-Vereinigung der europäischen Großclubs. Die Forderung der Vereine, Länderspiel-Termine zu streichen, kontert Blatter mit der Kritik, die Clubs trügen die Schuld, dass ihre Spieler überlastet seien und dem Fußball auch wirtschaftlicher Schaden drohe. Symptomatisch seien die Bestrebungen, die Bundesliga von derzeit 18 auf 20 Teams aufzustocken. Kontraproduktiv sei diese Debatte: Außerdem führt es auch zu einer Übersättigung des Marktes, wenn es ständig Fußball gibt. Die Sponsoren, TV-Partner und Fans gehen da nicht mehr mit. Und irgendwann wird sich die Spirale, die noch nach oben führt, schließen oder sich gar ins Gegenteil umdrehen.
Statt ständig nach weiteren Spielterminen und neuen Wettbewerben zu suchen, empfiehlt Blatter den Vereinen, vernünftig zu wirtschaften. Die Clubs sollten in der Realität leben und nicht in der Zukunft einer möglichen Einnahmequelle. Sonst kann eben das passieren, was dem deutschen Großclub Borussia Dortmund passiert ist, der immer noch daran nagt, dass er sich 2003 nicht für die Champions League qualifiziert hat, sagte Blatter und weiß doch, dass der Appell wohl nicht fruchtet, denn: Wo ist Vernunft, wenn Faszination, Emotionen und Leidenschaft mitspielen wie im Fußball?
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