Madrid - Dass ein Fußballschiedsrichter wie der Italiener Collina zum Medienstar aufsteigt, ist schon eine Seltenheit. Aber ein Linienrichter? Der Spanier Rafa Guerrero dürfte so ziemlich der einzige Schiedsrichterassistent der Welt sein, der zu einer Berühmtheit wurde.
Er tritt in Werbespots auf, er hat einen Fanclub, sein Name ist in Spanien fast so bekannt wie der von Ronaldo oder David Beckham. Das Sportblatt As widmete dem 41-Jährigen mit den schwarzen Locken kürzlich ganze zwei Seiten.
Das Besondere an ihm ist: Der Linienrichter wurde nicht berühmt, weil er Abseitspositionen besonders scharfäugig erkennt, sondern weil er im Gegenteil bei wichtigen Entscheidungen daneben liegt. So auch im Erstligaspiel Racing Santander gegen Athletic Bilbao, es lief die 95. Minute, beide Teams hatten sich mit einem 0:0 abgefunden. Da glaubte Guerrero, ein Handspiel im Strafraum der Gastgeber ausgemacht zu haben. Er alarmierte den Schiedsrichter, es gab Elfmeter für die Gäste, die Partie endete im Chaos: Das Publikum tobte, Gegenstände flogen auf den Platz, Bilbao gewann 2:0.
Rafa, Spaniens berühmtester Linienrichter, schlägt wieder zu, titelten die Zeitungen. Der Held von der traurigen Gestalt, von Beruf Hausmeister einer Dorfschule, hat das Talent, in wichtigen Momenten ins Rampenlicht zu treten, mit seinen Beobachtungen aber falsch zu liegen. In der vorigen Saison verhalf er Zinedine Zidane zu einer Roten Karte, obwohl der Franzose sich nur gegen eine Tätlichkeit zur Wehr gesetzt hatte; der eigentliche Übeltäter kam ungeschoren davon.
Guerrero war auch der Hauptakteur einer Szene vor acht Jahren, die in die spanische Fußballgeschichte einging. Im Spiel Real Saragossa gegen FC Barcelona war ein Barça-Spieler zu Boden gegangen. Rafa hob die Fahne. Der anschließende Dialog mit dem Schiedsrichter wurde vom Außenmikrofon eines TV-Senders aufgefangen und bringt die Spanier noch heute zum Schmunzeln. Referee (nervös): Was ist los? Rafa: Es war die Nummer 6. Elfmeter und Platzverweis. Referee (noch nervöser): Rafa, erzähl keinen Mist. Ich scheiße auf meine Mutter, wenn das nicht stimmt.
Der Linienrichter lag gleich doppelt falsch: Es hatte keine Tätlichkeit gegeben, allenfalls ein Foul. Mit Xavi Agudo (Nummer 6) wurde der falsche Spieler vom Platz gestellt; das Foul beging Jesús Solana (4). Der Autokonzern Renault fand die Pannen lustig und ließ Werbespots mit dem Unglücksraben drehen. In einem Spot wird der Linienrichter gekidnappt und mit seinem Fähnchen in einem finsteren Wald abgesetzt. Das Motiv der Entführung: Damit er die besten Spielszenen nicht unterbricht.
Trotz seiner Fehlentscheidungen durfte der Spanier 2004 bei der Europameisterschaft in Portugal winken. Nun träumt er von seinem Einsatz bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.
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