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Bierhoff: Kahn verkörpert Willenskraft | 2004-12-28


dpa: Wenn man 2004 als Jahr des Aufbruchs unter der neuen Führung des Nationalteams bezeichnet, unter welcher Zielsetzung steht dann 2005?

Oliver Bierhoff: 2005 soll das Jahr des stetigen Wachstums sein. Wir haben einen Aufbruch in vielen Bereichen. Wir haben viele junge Spieler eingebaut, auch viele Neulinge. Und wir haben Spieler, die zu Saisonbeginn nicht so in Form waren, wieder aufgebaut, zum Beispiel Miroslav Klose oder Bastian Schweinsteiger. Wir wissen, dass 2005 noch mehr kommen muss, um auch gegen die ganz Großen zu bestehen. Das beginnt schon im Februar mit dem Spiel gegen Argentinien, eine der besten Mannschaften der Welt. Und geht weiter mit dem Confederations Cup im Sommer, der zwar zeitlich ungünstig, aber ein international wichtiges Turnier ist und als organisatorische Generalprobe für die WM 2006 auch im Sportlichen entscheidende Spiele simuliert.

dpa: Die Amerika-Reise im Dezember 2005 ist gestrichen worden. Gibt es Ersatz dafür?

Bierhoff: Wir werden einen oder auch beide Doppelspieltage im September und Oktober für zwei Länderspiele nutzen. Und wir wollen Anfang Januar 2006 ein Trainingslager machen. Denn wir verzichten auf zehn Tage Amerika-Reise, bei der wir mit den Spielern zusammen gewesen wären. Also machen wir das jetzt auf sechs Tage komprimiert, ohne den Druck eines Länderspiels. Das Trainingslager wird irgendwo im Süden stattfinden, wo es wärmer als in Deutschland ist und man gut arbeiten kann. Wir wollen die Spieler damit zu Beginn des Jahres 2006 auch ein bisschen auf die WM einschwören.

dpa: Strukturell ist von Jürgen Klinsmann und Ihnen viel verändert worden, auch personell. Sind diese Dinge abgeschlossen?

Bierhoff: Das Gröbste ist erledigt. Nachdem wir bei der Asien- Reise auch noch einen Sportpsychologen eingebunden haben, steht das Team.

dpa: Sie sind der erste Team-Manager der Nationalmannschaft. Bei Ihrem Amtsantritt haben sich viele gefragt, wozu man einen solchen benötigt. Haben Sie die Kritiker von Ihrer Notwendigkeit und Nützlichkeit überzeugt?

Bierhoff: Wenn ein solcher Wechsel stattfindet, sind bei allen Beteiligten Skepsis, Nervosität und Unsicherheit vorhanden. Es hat Energie gekostet, alle zu überzeugen. Ich freue mich darüber, dass mir das relativ schnell gelungen ist. Auch intern bekomme ich viele positive Rückmeldungen. Wir haben von Anfang an von einem Fulltime- Job geredet, aber es ist doch ein Tick mehr, als ich erwartet habe. Es ist eine breite Palette von Aufgaben.

dpa: Welche umfasst sie?

Bierhoff: Sie umfasst Medien, Sponsoren, DFB, Deutsche Fußball Liga, WM-Organisationskomitee und die Bundesliga-Clubs. Das sind sehr viele Telefonate. Ich habe kürzlich zum DFB-Generalsekretär mal im Spaß gesagt: Wenn ich nochmal geboren würde, dann würde ich von der Leichtigkeit zuerst Spielerfrau, dann Spieler, dann Trainer, dann Manager und am Ende Generalsekretär werden.

dpa: Gibt es einen täglichen Kontakt mit Jürgen Klinsmann?

Bierhoff: Am Anfang war das täglich der Fall, jetzt kommunizieren wir mehrmals pro Woche. Da geht es um viele wichtige sportliche und organisatorische Themen, aber manchmal auch um so scheinbar banale Dinge wie, wer sitzt wo im Flugzeug? Auf der Asienreise haben wir die Spieler beim Hinflug einmal in die First Class gesetzt, um ihnen zu zeigen, dass wir alles für eine optimale Vorbereitung tun, weil es eine wichtige Reise ist. Dann muss man das vorher mit dem DFB, dem Delegationsleiter Werner Hackmann und mit dem Jürgen abgeklärt haben. Wir machen regelmäßig Telefonkonferenzen und viel über E-Mail. Und wenn ich etwas mit dem Jürgen diskutiere, werden auch Joachim Löw und Andreas Köpke darüber informiert.

dpa: Wie würden Sie die Gruppe Klinsmann, Bierhoff, Löw, Köpke beschreiben?

Bierhoff: Wir sind ein richtiges Team, in dem es wahnsinnig viel Spaß macht. Keiner hat das Bedürfnis, sich mit seinen Ellbogen breiter machen zu müssen. Jeder ist mit seiner Rolle sehr zufrieden und weiß genau, was er machen muss. Es gibt immer eine offene und freundliche Diskussion ohne Misstöne. Man kann mal verschiedener Meinung sein, aber man findet immer eine Lösung.

dpa: Betrachten Sie Ihren neuen Job auch als einen Entwicklungsprozess für Ihre weitere berufliche Zukunft?

Bierhoff: Mit Sicherheit. Bis 2006 wollte ich mir ursprünglich ein Bild machen, in welchem Bereich ich arbeiten möchte. Jetzt bin ich automatisch in einem Bereich tätig, der sehr breitfächrig ist und mir sehr viel Spaß macht. Ich habe die Möglichkeit, in den nächsten zwei Jahren zu sehen, ob das etwas ist, was mir gefällt. Nicht nur von der Aufgabe her, sondern auch vom Lebensrhythmus.

dpa: Wie empfinden Sie die starke öffentliche Aufmerksamkeit?

Bierhoff: Ich brauche sie nicht, aber sie stört mich auch nicht. Die Aufmerksamkeit ist auch schön, weil wahnsinnig viele Leute einen ansprechen und sagen: Klasse, wie Ihr das angeht. Und es ist schön zu sehen, dass viele Dinge einfach leichter funktionieren, wenn es um die Nationalmannschaft geht.

dpa: Sind sich die Spieler der besonderen Bedeutung der Nationalelf bewusst?

Bierhoff: Schon. Aber es ist auch unsere Aufgabe, den Jungs immer wieder zu sagen: Schaut mal von Außen darauf, was es für ein Glück ist, bei der WM dabei zu sein.

dpa: Sie waren Nationalmannschafts-Kapitän. Wie sehen Sie die Entwicklung von Michael Ballack seit seiner Ernennung?

Bierhoff: Ich sehe ihn total super. Ich habe eine Veränderung bei ihm festgestellt, den Willen, Verantwortung zu übernehmen, auch unangenehme Themen anzugehen und zu führen. Zum Beispiel, als er sich jetzt mit Kevin Kuranyi ein bisschen in den Haaren hatte: Vor einem Jahr hätte er vielleicht noch gesagt, das ist nicht so schlimm. Jetzt hat er anders reagiert und gesagt: Halt, das ist ein jüngerer Spieler, und ich bin der Kapitän, da muss er sich schon zusammen reißen. Auch in den Spielen auf der Asien-Reise hat er sich nicht geschont, sondern ist als Vorbild vorweg marschiert.

dpa: Wie wichtig ist ein Kapitän für eine Mannschaft?

Bierhoff: Die Rolle des Kapitäns kommt auf die Mannschaft an. Im Weltmeister-Team von 1990 waren viele gestandene Profis, da hat man es auch als Kapitän schwieriger, groß etwas zu beeinflussen. Bei uns wächst eine junge Mannschaft zusammen, da sticht ein Michael Ballack heraus. Da ist die Kapitänsbinde wichtiger. Darum ist eine Führung der Spieler von ihm mehr gefordert. Einen Bernd Schneider braucht er nicht mehr zu führen, aber die vielen jungen Spieler schon.

dpa: Darum fand die Team-Leitung Ballacks Rüffel für Kuranyi gut?

Bierhoff: Wir fanden es nicht gut, dass sie sich gestritten haben. Aber wir fanden Michaels Reaktion gut, denn er ist unser Ausnahme-Fußballer in Deutschland. Und er ist schon aus seiner Komfort-Zone, die er bis zum Sommer hatte, herausgestiegen und sagt: Okay, ich bin bereit, diese Ausnahmeposition anzunehmen. Ich denke, die Kapitänsbinde hat ihm einen wahnsinnigen Schub gegeben.

dpa: Und Oliver Kahn: Wirkt er befreit von der Binde?

Bierhoff: Ballack ist der Kapitän, aber Oliver Kahn ist als erfahrener Spieler ebenfalls gefordert und mit seiner Ausstrahlung wahnsinnig wichtig: Er verkörpert Ehrgeiz, Konzentration und absolute Willenskraft. Aber im Kampf der Torhüter ist es vielleicht auch ganz gut, dass er sich nicht noch auf das Kapitänsamt konzentrieren muss.

dpa: Die größte Veränderung ist sicher die Vielzahl der jungen Spieler, die im DFB-Team Fuß gefasst haben. Können Sie diesen Wandel erklären? Bierhoff: Eine solche Vielzahl hätte man wohl nicht für möglich gehalten. Aber die jungen Spieler gehen locker mit der Sache um. Sie sind sehr bescheiden, sehr ruhig. Sicherlich brauchen sie noch internationale Reife. Man muss den Spielern das Gefühl geben, dass sie keine Notlösung sind, sondern dass man von ihnen überzeugt ist. Dann spielen sie ganz anders auf. Es ist unsere Strategie, den Spielern Selbstvertrauen zu geben und auf ihren Stärken aufzubauen.

Klaus Bergmann und Oliver Hartmann, dpa


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