Ahlen - Juri Schlünz platzte der Kragen. Wenige Minuten nach dem Abpfiff einer für ihn Nerven aufreibenden Partie entlud sich beim ansonsten besonnenen Trainer von Hansa Rostock die Anspannung.
Welche Höllenqualen er beim erst in der Verlängerung erkämpften 3:2-Sieg im Pokal-Achtelfinale gegen den Zweitligisten LR Ahlen gelitten hatte, bekam ein Kameramann zu spüren. Mach die Kamera aus. Ich habe keine Lust, aus einem Meter ins Gesicht gefilmt zu werden. Das ganze Gesabbel und Gegeifer..., schrie der Rostocker Trainer und knallte wütend die Kabinentür zu.
Vier Niederlagen in Folge, der Sturz auf den letzten Tabellenplatz der Bundesliga und die Diskussionen um seinen Arbeitsplatz sind nicht spurlos an Schlünz vorbeigegangen. Der zweite Einzug des Vereins in das Viertelfinale des DFB-Pokals verschaffte ihm eine Atempause - und die Chance zur Kritik an seinen Kritikern. Die Vereinsführung hat mir das Vertrauen ausgesprochen, Fans und Mannschaft stehen hinter mir. Trotzdem werden mir ständig Fragen gestellt, auf die ich keine neuen Antworten weiß. Dadurch erhöht sich der Druck auf mich, klagte der Fußball-Lehrer, der seit 37 Jahren dem Verein angehört.
Schon beim Bundesliga-Duell gegen den Hamburger SV steht ihm eine ähnliche Nervenprobe wie im Ahlener Wersestadion bevor. Geht auch das siebte Heimspiel in Serie verloren, droht neuerliches Ungemach. Nur gut, dass es in Ahlen erstmals seit dem 1:0 beim VfL Bochum (16. Oktober) wieder Grund zum Jubeln gab. Schlünz hofft auf den Beginn einer neuen Zeitrechnung: Dieses Erfolgserlebnis war eminent wichtig für die Mannschaft. Dabei sah es zwischenzeitlich so aus, als würde wieder alles gegen uns laufen.
Zumindest die Frage, ob seine Profis noch hinter ihm stehen, wurde in Ahlen eindeutig mit Ja beantwortet. Sowohl nach dem frühen 0:1 durch Andrei (8.) als auch nach dem späten 2:2 von Cyrille Bella zwei Minuten vor dem Abpfiff der regulären Spielzeit zeigte Hansa eine Trotzreaktion. Die Tore von Rene Rydlewicz (24.), Rade Prica (85.) und Magnus Arvidsson (102.) waren der Lohn für eine engagierte Vorstellung. Mathias Schober sprach indirekt von einem Bekenntnis für Schlünz: Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie Charakter hat.
Den wird sie im bevorstehenden Abstiegskampf auch brauchen. Einen Substanzverlust seiner Spieler befürchtet Schlünz im Hinblick auf das Richtung weisende Spiel am Sonntag gegen den HSV nicht. Natürlich hat das heute Kraft gekostet. Aber mit so einem Erfolgserlebnis kann man die Belastung über 120 Minuten leichter wegstecken.
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