Stuttgart/Gelsenkirchen - Demoskopen und Experten setzen auf den VfB Stuttgart, Schalke 04 bleibt zum Bundesliga-Finale das Prinzip Hoffnung.
Während sich Stuttgart für die größte Party seit der Weltmeisterschaft rüstet, liebäugeln die zwei Punkte zurück liegenden Königsblauen mit einen schwäbischen Patzer. Ich glaube fest daran, dass ein Wunder passieren kann. Wer sagt denn schon, dass der VfB Stuttgart in so einer Situation souverän bleibt, sagte Schalkes Hamit Altintop.
Die Gejagten gaben sich die ganze Woche über betont locker. Vor einer Deutschen Meisterschaft zu stehen, das ist doch etwas Schönes. Das hat nichts mit Druck zu tun. Wir freuen uns auf das Spiel, antwortete VfB-Trainer Armin Veh auf die beliebteste Frage der Woche. Stuttgart reicht ein Punkt zur fünften Meisterschaft nach 1950, 1952, 1984 und 1992, wenn Schalke gegen Arminia Bielefeld mit nicht mehr als drei Toren Differenz gewinnt. Mit Druck können unsere Jungs gut umgehen. Die wissen genau, dass man ein Heimspiel gewinnen muss, meinte VfB-Präsident Erwin Staudt.
Vieles spricht dafür, dass Guido Buchwald vor 56 000 Zuschauern im seit Wochen ausverkauften Stuttgarter Daimlerstadion seinem VfB die Meisterschale überreichen wird. Franz Beckenbauer und Oliver Kahn vom entthronten Meister FC Bayern München geben Schalke nur noch eine Chance von 1 Prozent. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest im Auftrag des ARD/ZDF-Morgenmagazins ergab, dass 66 Prozent der Bundesbürger den VfB als Meister sehen und lediglich zehn Prozent die Schalker.
Wir wollen was erreichen, aber haben auch schon etwas erreicht, verweist Veh auf die bereits gesicherte Qualifikation zur Champions League, die Schalke erst noch eintüten muss. Sollte der Meistertraum doch noch platzen, würde der Überraschungs-Trainer der Saison nicht aus allen Wolken fallen. Wenn das nicht klappen sollte, dann kann man doch nach so einer Saison nicht enttäuscht sein. Das wäre das Schlimmste, was man machen könnte, sagte Veh in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur . Was jetzt kommt, ist die Sahne. Man kann mit und ohne Sahne leben, pflichtete Staudt bei.
Das einzige Fragezeichen beim VfB steht hinter Mario Gomez: Veh ließ offen, ob er den Nationalstürmer von Beginn an bringt und damit von seinem zuletzt so erfolgreichen 4-3-3-System auf zwei Angreifer abrückt. In jedem Fall müssen die Schalker ohne Christian Pander auskommen. Der Abwehrspieler fehlte wegen Rückenproblemen beim Abschlusstraining. Für Pander dürfte Levan Kobiaschwili auf der linken Abwehrseite zum Einsatz kommen. Grünes Licht erhielt dagegen Torhüter Manuel Neuer, dessen Mitwirken wegen eines Syndesmoseanrisses in Frage gestanden hatte. Neuer bestand einen Belastungstest.
Nach der bitteren 0:2-Schlappe bei Borussia Dortmund ist nach der Trauer Realismus eingekehrt, auch wenn das Fünkchen Hoffnung beschworen wird. Wir haben in dieser Saison schon viele verrückte Dinge erlebt und gesehen, wie schnell sich das Tabellenbild ändern kann. Das kann auch am Samstag passieren, sagte 04-Manager Andreas Müller und der einzige verbliebene Meister des Herzens von 2001, Gerald Asamoah, hofft auf die Schützenhilfe der Partnerstadt Cottbus: Wer hätte vor drei Wochen gedacht, dass Bielefeld gegen Bremen gewinnt.
Geht es nach der Statistik, wird das gesamte VfB-Team von Kapitän Fernando Meira bis zum Bankdrücker Andreas Beck die Meisterprämie von geschätzten 100 000 Euro erhalten. Stuttgart gewann seine letzten sieben Bundesliga-Spiele. Gegen Cottbus kassierte der VfB zu Hause in drei Partien noch kein Gegentor, erzielte allerdings auch nur einen Treffer. Die Partnerstadt von Gelsenkirchen leistete den Schwaben 2003 wertvolle Schützenhilfe: Damals spielten sie als feststehender Absteiger 1:1 bei Borussia Dortmund und verhalfen dem VfB somit zur direkten Champions-League-Qualifikation.
Es gibt also keinen Grund, Cottbus zu unterschätzen, warnte Teammanager Horst Heldt - auch wenn der FC Energie nach dem geschafften Klassenverbleib kraftlos agierte und zudem mit großen Verletzungsproblemen anreist. Auch diese Statistik spricht für den VfB, der seit 14 Heimspielen ungeschlagen ist: Erst fünf Mal in 43 Jahren Bundesliga wurde der Tabellenführer des 33. Spieltages nicht Deutscher Meister. Der VfB wäre zudem der erste Meister, der als Tabellenletzter in die Saison gestartet ist.
Um die Begeisterung der Fans nicht ausufern zu lassen, werden erstmals seit zwei Jahren im Daimlerstadion wieder Zäune errichtet, damit die Zuschauer nicht den Innenraum stürmen. Beim Public Viewing auf dem Schlossplatz gelten ähnlich strenge Sicherheitsvorkehrungen wie bei der WM 2006. Um mit dem Team und zehntausenden Fans abends feiern zu können, hat Ministerpräsident Günther Oettinger sogar ein Klavierkonzert abgesagt, dass er für einen guten Zweck geben wollte. Sogar Wirtschaftsbosse geben sich volksnah: Arbeitgeberpräsident und VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt kündigte an, im Meisterfall einen Vormittag lang Fanartikel zu verkaufen.
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