Bukarest - Erst fügte er sich in den von Rudi Völler angeordneten Burgfrieden mit Jens Lehmann, dann schenkte Oliver Kahn seinem Rivalen gar eine Halbzeit gegen Rumänien und nahm seine Teamkollegen in die Pflicht.
Wir wollen bis zur EM kein Spiel mehr verlieren, forderte der Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft in Bukarest den dritten Länderspiel-Sieg in Serie. Und auch Teamchef Völler ermahnte sein Personal, die Partie im nur 19 000 Zuschauer fassenden Stanescu-Stadion ernst zu nehmen: Wir wollen unseren Erfolgstrend fortsetzen. Es ist gut, wenn man sich vor der EM Selbstvertrauen holt.
Noch vor der mit Hindernissen behafteten Anreise nach Bukarest hatte Völler das überfällige Sechs-Augen-Gespräch mit seinen Torwart-Streithähnen geführt. In der nur 15 Minuten dauernden Unterredung hatte der 44-Jährige noch einmal die Torhüter-Hierarchie verdeutlicht und von den beiden Rivalen bei der mehrwöchigen EM-Expedition einen respektvolleren Umgang eingefordert: Damit ist das Thema endgültig erledigt. In Bukarest werden beide Keeper je eine Halbzeit spielen. Kahn stimmte der Arbeitsteilung zu, weil er an Knieproblemen laboriert. Beim 2:1-Sieg vor zwei Monaten in Kroatien hatte Kahn noch trotz Rückenbeschwerden durchgespielt, das Gegentor verschuldet und den öffentlich geäußerten Zorn von Lehmann hervorgerufen.
Kahn betonte jedoch, dass in erster Linie sein Widersacher gefordert sei, sich anders als zuletzt klaglos in die angestammte Reservistenrolle einzufügen. Ich mache in der Nationalmannschaft meinen Job. Mit mir hat die Geschichte nichts zu tun. Allerdings ließ sich Kahn von Völler überzeugen, dass die Aussprache unverzichtbar war, um in Portugal als Einheit aufzutreten: Solche Dinge dürfen sich nicht auf die Mannschaft auswirken.
Beim Flug von Frankfurt ins verregnete Bukarest saßen die beiden Keeper, die mit Sicherheit keine Freunde mehr werden, schon wieder zwei Reihen auseinander. Zuvor hatte die Mannschaft samt Begleittross das Flugzeug wechseln müssen, weil in der reservierten Boeing 757 der Fluggesellschaft Thomas Cook fünf Minuten vor dem geplanten Abflug ein Kraftstoff-Leck an einer Tragfläche entdeckt wurde. Nachdem die Passagiere umgezogen und das Gepäck umgeladen worden war, ging es mit einer Ersatzmaschine und eineinhalb Stunden Verspätung in die rumänische Hauptstadt.
Dort kann Völler bis auf die verletzten Miroslav Klose und Christian Wörns eine Mannschaft aufbieten, die der EM-Elf am 15. Juni gegen die Niederlande entspricht. Ich versuche, mit der Mannschaft zu spielen, mit der man auch in die EM gehen will, sagte Völler. Bei den leicht angeschlagenen Michael Ballack, Torsten Frings und Kevin Kuranyi gab die medizinische Abteilung grünes Licht und schuf so die Voraussetzung, dass die letzte Partie vor der Nominierung des EM-Kaders in der Tat zur echten Standortbestimmung wird. Selbstvertrauen für die EM ist wichtig. Noch wichtiger ist die Möglichkeit, sich einzuspielen, damit sich eine Stammformation herauskristallisiert, meinte der Bremer Frank Baumann, der Wörns in der Innenverteidigung vertritt.
Der Einsatz von Michael Ballack ist allerdings weiterhin offen. Teamchef Rudi Völler sagte nach dem Abschlusstraining in der rumänischen Hauptstadt, dass die Entscheidung über einen Einsatz des Mittelfeldspielers vom FC Bayern München erst kurz vor dem Anpfiff fallen wird. Ballack klagt über Wadenprobleme. Er absolvierte allerdings wie seine 17 Teamkollegen die komplette Übungseinheit.
Was wir uns in den letzten beiden Spielen aufgebaut haben, wollen wir uns jetzt nicht durch eine lasche Einstellung kaputtmachen lassen, betonte Kahn. Ein gutes Spiel der deutschen Mannschaft spricht allerdings gegen das Gesetz der Serie. Die ohnehin bei Freundschaftsspielen nur gelegentlich überzeugende DFB-Auswahl fand beim traditionell umstrittenen April-Termin noch seltener eine taugliche Einstellung.
Diese Spiele waren immer sehr kritikbehaftet, erinnerte sich auch Kahn. Bei den Spielern ist der Termin sehr unbeliebt, weil sie so kurz vor dem Saisonfinale in Gedanken bei ihren Vereinen sind. Jeder ist bei seinen eigenen Dingen. Ich bin unheimlich damit beschäftigt, deutscher Meister zu werden. Andere müssen sich mit der Abstiegsgefahr auseinander setzen, schilderte Kahn. Vom kommenden Jahr an hat deshalb der Weltverband FIFA den April-Termin aus dem Wettkampfkalender gestrichen.
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