Almancil - Der Schutzwall rund um das DFB-Quartier in Almancil steht, aber über den Abwehrriegel gegen die Niederlande brütet Rudi Völler in der Hitze von Portugal weiter rund um die Uhr.
Fünf Tage vor dem ersten EM-Spiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen die Oranjes verweigerte Völler ein öffentliches Bekenntnis zu seiner Defensiv-Abteilung und deren Chef Jens Nowotny, der nach dem blamablen 0:2 gegen Ungarn besonders in die Kritik geraten war. Das ist nun mal so, es hängt mit der Form einiger Spieler zusammen, ob es Sinn macht, den einen oder anderen aufzustellen, sagte der 44-Jährige beim ersten offiziellen Pressetermin in Portugal.
Ich werde keine Wasserstandsmeldungen abgeben, antwortete Völler leicht genervt auf die Frage, ob der Leverkusener Nowotny wegen sichtbarer Formschwäche für den EM-Auftakt in Porto zur Disposition steht. Ohne in Panik oder in Aktionismus zu verfallen will der Teamchef in der streng abgeriegelten Oase des Ria Park Garden in Gruppengesprächen die beste Lösung finden. Ob plötzlich doch wieder statt der fest vorgesehenen Viererkette eine Dreierreihe die individuell überlegenen Niederländer stoppen soll, hält Völler dabei eher für zweitrangig: Wir haben bewiesen, dass wir beides spielen können.
Nowotny selbst erwartet dagegen wie seine Kollegen eine schnelle Entscheidung: Es muss was passieren. Man muss auf die eine oder andere Situation reagieren. Dabei sei es relativ egal, ob mit drei oder vier Abwehrspielern verteidigt werden soll. Wichtig ist, dass wir uns auf etwas festlegen. Wir brauchen ein System, auf das wir trainieren und bei dem jeder mitzieht, erklärte der 30-Jährige, der vor vier Jahren beim EM-Debakel in Holland und Belgien in allen drei Vorrunden-Begegnungen in der Dreier-Kette gestanden hatte.
Völler kündigte an, neben den Gesprächen auch die noch verbleibenden Trainingseinheiten bis zum Tag X zu nutzen, um die Verunsicherung zu bekämpfen. Ich versuche, den Spielern, die wahrscheinlich auflaufen werden, die Sicherheit zu geben, die sie brauchen, sagte der Weltmeister von 1990. Ob er auf dem bestens präparierten Trainingsplatz direkt neben dem Quartier als Alternative auch den Bremer Meisterspieler Frank Baumann für den derzeit unsicheren Nowotny testete, sollte den Beobachtern verborgen bleiben. Wie schon am Ankunftstag zog sich Völler mit seinem Team unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen hinter den Sichtschutz des Übungsgeländes zurück.
Die Bannmeile, die in der Zeit der geheimen Trainingseinheiten lediglich von einigen Anwohnern naher Urlaubs-Quartiere passiert werden darf, beginnt schon 300 Meter vor dem DFB-Domizil. Es gibt gewisse Sicherheitsvorkehrungen, aber das hat mit uns weniger zu tun. Es ist keine Kaserne, meinte Völler dazu. Offiziell ließ der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verlauten, dass er beim EM-Gastgeber in punkto Sicherheit keine Sonderwünsche eingereicht habe. Das ist normales Procedere, versicherte Sprecher Harald Stenger. Lediglich für die Einlasskontrolle am Trainingsplatz habe man einen privaten einheimischen Wachdienst engagiert. Erst am 11. Juni wird Völler seine 23 Spieler, die sich derzeit ohne Ausnahme bester Gesundheit erfreuen, erstmals in Loulé auch den Fans präsentieren.
Dem Teamchef kommt die Ruhe und Abgeschiedenheit gerade Recht. Die Rahmenbedingungen sind ideal, meinte er. In fast intimer Atmosphäre und bei hochsommerlichen Temperaturen läuft die Gruppen-Therapie. Es ist Fakt, dass wir nicht so gefestigt sind, wie wir es sein sollten, gab Routinier Dietmar Hamann zu. Der Liverpooler warnte jedoch im gleichen Atemzug, die Diskussionen über Abwehr- Verbünde oder schwache Test-Spiele überzubewerten: Jetzt läuft alles Richtung Dienstag. Wenn wir dann auf dem Platz stehen, ist es unwichtig, wie die letzten vier, fünf Spiele gelaufen sind. Den Glauben an die eigenen Stärken habe das Team nicht verloren: Wenn wir nicht an uns glauben, wer denn?, meinte Hamann.
Am ersten Tag im EM-Land mussten sich die deutschen Spieler vor allem an die trockene Hitze gewöhnen. Sonnencreme und eine große Flüssigkeitsaufnahme waren angesagt. Da hilft nur trinken, trinken, trinken, sagte Nowotny. Gegen die Niederlande wird allerdings bei einer Anstoßzeit von 20.45 Uhr nicht die Hitze der größte Gegner sein.
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