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Völler will mit Viererkette spielen | 2004-06-11


Almancil - Rudi Völler sorgt für Klarheit in der Abwehr, doch Oliver Kahn macht sich ernsthafte Sorgen um das brüchige Gesamtgefüge im Team des Vizeweltmeisters.

Seinen einzigen öffentlichen Auftritt in Portugal vor dem EM-Start gegen die Niederlande nutzte der Kapitän zu einem eindringlichen Appell an die Kollegen. Wir können nur eine erfolgreiche EM spielen, wenn wir total als Einheit auftreten, warnte der Torhüter bei einer Pressekonferenz in Almancil. Nur wenn jeder begreift, dass er über die 100-Prozent-Grenze gehen muss, ist alles möglich.

Zuvor hatte sich Völler in einer knapp einstündigen Aussprache mit Kahn und den Abwehrspielern darauf verständigt, ungeachtet der 0:2- Blamage im Abschlusstest gegen Ungarn an der zuletzt löchrigen Vierer-Kette festzuhalten. Niemand habe die Schuld an der Pleite von Kaiserslautern auf das System oder die Nebenleute geschoben. Jedem war die Fehlerquelle gegen Ungarn klar: Man war unkonzentriert und hatte den Gegner zu Beginn unterschätzt, schilderte Völler und versprach: Das werden wir gegen die Niederländer besser machen.

Abwehrchef Jens Nowotny verspürte nach der Unterredung im Luxus- Quartier an der Algarve die Gewissheit, dass er ungeachtet der eigenen Defizite und der öffentlich geäußerten Kritik an seiner Person weiter Völlers Vertrauen genießt. Wenn ich dabei war, habe ich immer gespielt. Ich gehe davon aus, dass es weiter so sein wird, sagte Nowotny, dessen Ablösung von etlichen Experten gefordert worden war. Energisch widersprach der 30 Jahre alte Leverkusener den Vorwürfen, er sei nach zwei Kreuzbandrissen zu langsam für eine EM- Endrunde. Die Geschwindigkeit dürfte kein Problem sein, entgegnete er schroff.

Im Gegensatz zu Nowotny, der sich im Klaren wähnt, setzte Völler vier Tage vor dem brisanten Nachbarschafts-Gipfel gegen die Niederländer die Geheimniskrämerei um seine Mannschaft fort. Viele Spieler wissen, was Sache ist. Aber ich will die Spannung möglichst lange hochhalten, sagte der Teamchef. Die letzten offenen Fragen, vor allem in der Besetzung des Angriffs, wolle er erst nach dem Abschlusstraining am Montagabend im Spielort Porto mit Bundestrainer Michael Skibbe und den betroffenen Wackelkandidaten besprechen.

Zum ersten und einzigen Mal vor dem ersten EM-Spiel verließ der DFB-Tross seinen Hotel-Komplex an der Algarve und lud die Fans zum Training ins 15 Kilometer entfernte Stadion von Loulé ein. Ansonsten genießen Völler und sein Personal die intime Atmosphäre in ihrer exklusiven Herberge und auf dem angrenzenden Trainingsplatz, der hermetisch von bewaffneter und berittener Polizei vor neugierigen Blicken abgeschirmt wird.

Völler informierte danach, dass Thomas Brdaric bei einer der geheimen Übungseinheiten umgeknickt sei, sich inzwischen aber wie die übrigen 22 Spieler wieder bester Gesundheit erfreue. Wir sind heiß, nicht nur wegen des Wetters. Wir können es nicht erwarten, bis es endlich losgeht, schilderte Völler die Ungeduld in den eigenen Reihen.

Kapitän Kahn sorgt sich weniger um die körperliche Fitness als um Moral und Disziplin auf dem Platz. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass jeder weiß, woran er ist. Jeder Spieler hat einen Verantwortungsbereich und muss schauen, dass er da seine Zweikämpfe gewinnt, sprach der 34-Jährige die individuellen Mängel an. Wir haben keine Chance, wenn wie gegen Ungarn vier oder fünf Mann nur 80 Prozent ihrer Leistung abrufen.

Die Situation sei ähnlich wie vor zwei Jahren, als die Öffentlichkeit vor der WM ebenfalls kaum Vertrauen in die Mannschaft hatte, die dann wider Erwarten ins Finale eingezogen war. Sicher haben wir in den zuletzt abgelieferten Länderspielen nicht so für Furore gesorgt. Es sind Welten zwischen einem Freundschaftsspiel und einem Qualifikationsspiel. Und die letzte Stufe ist ein EM-Spiel, meinte Kahn, der sich nach eigenem Bekunden 24 Stunden am Tag mit der Europameisterschaft beschäftigt.

Diese Einstellung erwartet Kahn auch von den Kollegen, wenn wieder eine Überraschung gelingen soll. Eine deutsche Mannschaft muss nie ängstlich in ein Turnier gehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich deutsche Mannschaften häufig im Turnier zusammenraufen und sich dann auch sportlich verbessern.


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