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Nach Armutszeugnis Endspiel gegen Tschechien | 2004-06-20


Almancil - Torlos, trostlos - aber trotzdem noch nicht hoffnungslos: Nach einem spielerischen Armutszeugnis gegen Außenseiter Lettland droht der deutschen Nationalelf in Portugal ein ähnliches Debakel wie vor vier Jahren in den Niederlanden.

Zwar klammerten sich Rudi Völler und sein Personal am Tag nach der Nullnummer von Porto an ihre rechnerisch intakte Viertelfinal-Chance. Doch vieles deutet zum Vorrunden-Abschluss in Lissabon gegen die bereits als Gruppensieger feststehenden Tschechen auf einen vorzeitigen EM-K.o. wie 2000 hin. Damals kam das Aus durch ein 0:3 gegen ein portugiesisches B-Team. Dieses Mal könnten die Tschechen ihre Stars wie Nedved, Rosicky und Koller schonen.

Die beiden Turniere kann man nicht vergleichen. Die heutige Mannschaft ist als Einheit gefestigt, wiegelte Dietmar Hamann ab, der damals in Rotterdam dabei war. Auch Völler hat den Albtraum, dem die Entlassung seines Vorgängers Erich Ribbeck folgte, vor Augen. Da brauchen wir nur die Kassette des Spiels heraus zu holen, um zu wissen, wie gefährlich diese Situation ist, bekannte der Teamchef.

Paradoxer Weise müsste sogar eine Niederlage gegen Tschechien, gegen das man vor acht Jahren im Endspiel den letzten Sieg bei einer EM-Endrunde feierte, nicht zwangsläufig das Aus bedeuten. Selbst der gegenüber den Niederländern um 0,02 Punkte bessere UEFA-Koeffizient, der das Abschneiden in den letzten beiden Turnier-Qualifikationen dokumentiert, könnte Deutschland noch als Zweiter ins Viertelfinale retten. Wir haben alles schon durchgerechnet. Ich hoffe, dass wir es einfacher lösen mit einem Sieg, betonte Hamann, der wie Bernd Schneider wegen einer leichten Blessur mit Training aussetzte.

DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder verbreitete entsprechend dieser Konstellation Durchhalteparolen: Solange georgelt wird, ist die Kirche nicht aus. Allerdings deutete er an, dass dem DFB-Team notwendige Qualitäten beim Kräftemessen der europäischen Elite fehlen. Du musst auch ein Handwerkszeug haben, mit dem du eine solche Mannschaft aushebeln kannst, sagte Mayer-Vorfelder zu den einfallslosen Bemühungen gegen den Außenseiter. Völler verzichtete zudem selbst gegen die Letten auf das letzte Risiko: Wir mussten auch immer wieder aufpassen bei den brandgefährlichen Kontern.

Dem Vizeweltmeister fehlt trotz kleiner Lichtblicke wie dem 1:1 gegen die Niederländer Stabilität, Kreativität und Flexibilität. Das Spiel gegen die Tschechen war härter, weil sie uns auf verschiedene Weise attackiert hatten. Die Deutschen haben das nur auf eine Art getan, zeichnete Lettlands Coach Aleksandrs Starkovs den Mangel des deutschen Spiels auf. Zudem investierten Spieler wie Schneider, Hamann und Frings zu wenig, um den Außenseiter zu Fehlern zu zwingen. Dazu gehört große Laufbereitschaft und Kobinationsfähigkeit. Das war nicht vorhanden in der ersten Halbzeit, kritisierte Mayer-Vorfelder.

Den größten Jubel gab es im deutschen Lager, als Spieler und Betreuer vor dem Rückflug nach Faro beim Abendessen den tschechischen Siegtreffer gegen die Niederlande sahen. Beim 3:2 sind alle in die Luft gesprungen, berichtete Team-Begleiter Reiner Calmund. Alles ist noch drin, beruhigte Völler. Die Spieler wollten sich auch nicht mehr viel über Lettland ärgern. Jetzt werden alle Kräfte auf das Endspiel gegen Tschechien gerichtet. Wir haben einen großen Vorteil, wir haben alles in der eigenen Hand, betonte Kapitän Oliver Kahn.

Größtes Problem bleibt: Der dreimalige Weltmeister spielt bei dieser EM ohne Stürmer, die dieser Bezeichnung gerecht werden. Kevin Kuranyi müht sich, trifft aber nicht. Fredi Bobic, Thomas Brdaric und vor allem Miroslav Klose fehlen Form und Klasse. Lukas Podolski ist zu unerfahren. Völler: Das ist derzeit unser Manko. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, dass die Spieler, die Tore erzielen können, besser ins Spiel hinein kommen. Hamann aber warnt: Wir dürfen den Glauben an uns nicht verlieren. Es gibt keinen Grund, die Nerven zu verlieren.

Für Völler ist Ballack der letzte Heilsbringer in der Offensive. So wird der Teamchef gegen die Tschechen wieder auf das Holland- System mit nur einer Spitze und einem offensiveren Ballack umstellen. Wir müssen jetzt schon mal ein Highlight setzen, forderte der Dortmunder Christian Wörns. Ein Vorteil könne sein, dass die Tschechen durch sind und mit anderen Gedanken ins Spiel gehen, meinte Brdaric, der verriet: Die Stimmung im Quartier ist gedrückt.

Auch die Holländer werden sich an den Letten die Zähne ausbeißen, hofft Bundestrainer Michael Skibbe auf Schützenhilfe. Denn selbst ein deutsches Unentschieden könnte reichen, wenn sich Lettland und die Niederlande ebenfalls remis trennen. Und sogar ein knappe Niederlage der DFB-Elf in einem torreichen Spiel (mindestens 3:4) könnte noch das Viertelfinal-Ticket bringen, wenn es zwischen den beiden anderen Rivalen torlos bleibt. Der DFB-Chef würde kein Vermögen mehr auf das Weiterkommen verwetten: Ich bin ein armer Mann, aber 100 Euro würde ich schon setzen, sagte Mayer-Vorfelder.


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