Coimbra - Der schlafende Riese ist bei der Fußball-EM in Portugal endlich erwacht. Thierry Henry lässt den Wecker klingeln, titelte die französische Tageszeitung France Soir.
Der zuvor von rätselhafter Ladehemmung befallene Torjäger vom englischen Meister FC Arsenal hatte Titelverteidiger Frankreich mit zwei Toren (76./84.) fast im Alleingang zum 3:1-Erfolg über die Schweiz, zum Gruppensieg und ins Viertelfinale gegen Griechenland geschossen.
Titis Tore tun dem Team gut, lobte Henrys kongenialer Partner Zinedine Zidane den wieder erwachten Torinstinkt des 26-Jährigen, der zuletzt am 15. November 2003 beim 3:0 gegen Deutschland in der Arena AufSchalke für die Equipe Tricolore getroffen hatte. Zidane selbst hatte mit seinem dritten EM-Tor das 1:0 (20.) vorgelegt. Der Doppelpack von Coimbra war ein Befreiungsschlag für den kritisierten und schon von Selbstzweifeln gepackten Torjäger. Thierry wird jetzt fliegen, er hat schon abgehoben, meinte Joker Louis Saha, der mit der ersten Ballberührung per Kopf Henry das Ende dessen Durststrecke ermöglichte. In seinem 61. Länderspiel waren es die Tore 26 und 27.
Abheben, genau das will Henry nicht. Ich habe gespielt wie immer in den Spielen zuvor, nur mit dem Unterschied, dass mir diesmal die Tore gelungen sind, blieb der als weltbester Stürmer Geltende auf dem Boden. Ein Sonderlob zollte Trainer Jacques Santini, der stets an seinen Torjäger geglaubt hatte. Der Erwartungsdruck war fast schon unmenschlich. Beide Tore hat er toll herausgespielt. Sie machen alle froh - besonders ihn selbst, meinte der 52-Jährige und fügte hinzu: Es war wichtig, dass er getroffen hat, denn er ist einer meiner Führungsspieler. Auch Henrys Clubtrainer Arsene Wenger freute sich, dass bei seinem Juwel endlich der Knoten platzte. Die Kritik, Henry sei müde, wischte der Elsässer vehement vom Tisch: Unsinn, Thierry hat die Kraft für 70 Saisonspiele.
Trotz des von den anderen Führungsspielern Zidane und dem nur auf der Bank sitzenden Kapitän Marcel Desailly fast erzwungenen Wechsel des Spielsystems von 4-4-2 auf 4-3-1-2 lief es immer noch nicht rund. Die Abwehr hat noch Schwächen, wie die Gegentore beweisen, kritisierte Torwart Fabien Barthez. Auch fehlt noch die Harmonie zwischen Mittelfeld und Angriff. Ein Sieg ohne Glanz und Gloria, schrieb die Zeitung Le Figaro. Jetzt wartet Otto Rehhagel mit seinen Griechen auf den Titelverteidiger. Ganz klar, wir wollen ins Finale, aber das ist noch ein weiter Weg. Die Griechen haben ein solides und kompaktes Team mit einer starken Abwehr, warnte Santini vor dem Duell im Alvalade-Stadion von Lissabon. Ich habe Respekt vor den Griechen, aber es ist besser, dass wir Portugal aus dem Weg gehen, meinte Matchwinner Henry.
Die Schweiz verabschiedete sich mit einer guten Leistung aus Portugal. Ich bin stolz auf meine Mannschaft, wie sie sich hier präsentiert und den Europameister lange in Bedrängnis gebracht hat. Mit etwas Glück war heute mehr drin, sagte Coach Köbi Kuhn. Mit einem Punkt und nur einem Tor kamen die durch Alexander Freis Spuck- Affäre geschwächten Eidgenossen auf die gleiche Bilanz wie bei ihrem letzten EM-Auftritt 1996 in England. Die EM war eine wichtige Erfahrung für die Zukunft, meinte der für Frankreichs Meister Olympique Lyon spielende Patrick Müller. In dem 18-jährigen Johann Vonlanthen, der mit seinem Ausgleichstor (26.) dem 100 Tage älteren Wayne Rooney den Rekord als jüngster EM-Torschütze aller Zeiten abnahm, hat der nächste EM-Gastgeber 2008 (mit Österreich) ein Riesentalent in seinen Reihen.
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