Frankfurt/Main - Die von Emotionen getragene Absage Otto Rehhagels hat den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei der verzweifelten Suche nach einem neuen Bundestrainer in ein neues Dilemma gestürzt und die Hoffnungen auf eine schnelle Lösung zunichte gemacht.
Wenige Stunden nach Erhalt der Hiobsbotschaft einigte sich die vierköpfige Trainerfindungskommission (TFK) in einer Telefonkonferenz darauf, die Bemühungen um einen Nachfolger für Rudi Völler zunächst auf Eis zu legen und bis zu einem weiteren Gedankenaustausch in den kommenden Tagen keine Verhandlungen mit möglichen Kandidaten aufzunehmen.
Wir hatten uns so sehr auf Rehhagel versteift, dass keine anderen Gedanken Platz hatten. Wir müssen jetzt Platz schaffen für neue Gedanken. Dabei sollte man uns Zeit lassen, sagte Franz Beckenbauer im ZDF-Sportstudio. Er brachte im ARD-Interview erstmals offiziell Lothar Matthäus ins Gespräch. Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in den nächsten Tagen treffen, wird Lothar Matthäus ein Thema sein, sagte der DFB-Vize über den Rekord-Nationalspieler. Er wird seinen Weg machen, im Moment ist er noch etwas sprunghaft. Matthäus erklärte daraufhin, er sei noch nicht kontaktiert worden. Deshalb muss ich mir noch keine Gedanken machen.
Wie eine Bombe schlug Rehhagels Entscheidung, seinen Vertrag in Griechenland bis 2006 zu erfüllen, beim DFB ein. In einem Telefongespräch mit Beckenbauer sollten eigentlich erstmals die Modalitäten für eine Verpflichtung als Bundestrainer besprochen werden. Wir wollten am Wochenende in Details gehen. Dann hat er mir leider eine Absage gegeben. Er hat es sehr bedauert, wir natürlich auch, berichtete Beckenbauer von der Wende. In zwei zuvor geführten Telefonaten habe er bei Rehhagel die grundsätzliche Bereitschaft gespürt, das Amt zu übernehmen. Ich war daher etwas überrascht. Die emotionalen Gründe haben gesiegt, stellte Beckenbauer fest.
Rehhagel begründete seine Entscheidung mit der moralischen Verpflichtung, die er den Griechen gegenüber habe. Ich habe drei Jahre lang praktisch aus dem Nichts eine Mannschaft aufgebaut und zur Europameisterschaft geführt. Ich kann diese Mannschaft jetzt nicht alleine lassen, teilte König Otto dem verdutzten Kaiser mit. Der muss gemeinsam mit seinen TFK-Kollegen Gerhard Mayer-Vorfelder, Werner Hackmann und Horst R. Schmidt nun erneut in Klausur gehen.
Wir hatten uns ganz auf Rehhagel focussiert. So einfach, dass man sagt, Bundestrainer will doch jeder werden und die stehen Schlange, so einfach ist es nicht. Meistens ist es der Fall, dass die guten Leute unter Vertrag stehen. Zunächst muss derjenige die Bereitschaft erkennen lassen. Dann müssen wir mit dem jeweiligen Verband oder Club verhandeln, ob sie ihn überhaupt freigeben, erläuterte Beckenbauer die Schwierigkeiten.
Da in Rehhagel bereits der zweite deutsche Wunschkandidat nach Ottmar Hitzfeld dem DFB einen Korb gegeben hat, wird die Verpflichtung eines ausländischen Coaches immer wahrscheinlicher. Wir leben in einem offenen Europa, wir sind für alle offen, sagte der designierte Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger im Tagesspiegel. Wenn ein Trainer der deutschen Sprache mächtig sei und die nötigen Qualitäten besitze, würde man beim DFB über die Grenzen hinweg schauen.
Neben Matthäus gilt der Niederländer Guus Hiddink als Anwärter auf den vakanten Posten. Auch Dänemarks Nationaltrainer Morten Olsen ist weiter im Rennen. Ich habe nicht abgesagt. Für jeden Trainer wäre es eine reizvolle Aufgabe, schließlich findet die WM 2006 in Deutschland statt. Ob es jedoch eine Möglichkeit gibt, ist eine andere Frage, sagte der in seiner Heimat noch zwei Jahre unter Vertrag stehende Olsen der Welt am Sonntag.
Einig sind sich die führenden Köpfe des deutschen Fußballs darin, bei der Suche nach einem geeigneten Bundestrainer nicht in Panik zu verfallen. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Wochen, und wenn Wochen nicht ausreichen in den nächsten Monaten den richtigen Mann für die Nationalmannschaft finden, sagte Beckenbauer und mahnte erneut zur Ruhe: Einen Schnellschuss brauchen wir nicht.
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