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Löw lässt Rennpferde los: Jagd auf Rekord | 2007-06-01


Nürnberg - Wie Rennpferde wurden sie fast eine Woche in der Startbox gehalten, jetzt lässt Joachim Löw die EM-Titelstürmer raus zur Rekordjagd.

Auch wenn alle Protagonisten von einer Hatz auf die fast 100 Jahre alte Tore-Bestmarke offiziell nichts wissen wollen, ist das 16:0 einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Russland aus dem Jahr 1912 beim Duell gegen San Marino im Nürnberger Frankenstadion allgegenwärtig. Alles andere als ein hoher Sieg steht für den Bundestrainer und dessen Assistenten Hansi Flick bei allem Respekt für den Fußball-Zwerg ohnehin nicht zur Diskussion.

Das Team hat sich vorgenommen, 90 Minuten Gas zu geben und möglichst viele Tore zu schießen, erklärte auch der Team-Manager einen Tag vor der EM-Qualifikations-Partie in Nürnberg. Mit einem attraktiven Auftritt wie beim 13:0 im Hinspiel könnte der Tabellenführer der Qualifikations-Gruppe D schon im Hinblick auf die Endrunde im Sommer 2008 ein klares Zeichen nach außen setzen, ergänzte Oliver Bierhoff.

Wir wollen den Zuschauern Freude und Spaß bereiten, verspricht Löw den 43 967 Fans im ausverkauften Stadion des frisch gebackenen Pokalsiegers 1. FC Nürnberg ein Angriffs-Spektakel. Sicher werden viele Zuschauer in Nürnberg noch die Euphorie aus dem Pokalfinale mitbringen, sagte der DFB-Chefcoach und hofft, dass sein Team auch den Stimmungs-Wettbewerb mit dem nur wenige hundert Meter entfernt laufenden Kult-Festival Rock im Park gewinnt.

Zuletzt hatte der dreifache Weltmeister in Nürnberg beim Confederations Cup 2005 gegen Argentinien (2:2) und Brasilien (2:3) die Fans begeistert. Jetzt will sich der WM-Dritte einschießen für die nächste, schwere Partie am 6. Juni in Hamburg gegen die Slowakei. Wie das genau aussehen soll gegen die in Bübchenblau antretenden Gäste, weiß der 47 Jahre alte Löw nach einer knappen Woche intensiver Vorbereitung im abgelegenen Herzogenaurach genau: Hohes Tempo, schnelles Kombinationsspiel, viele Torchancen. Das Abschlusstraining konnten in kompletter Besetzung absolviert werden. Auch der Hamburger Piotr Trochowski kehrte nach überstandener Grippe wieder in den Übungsbetrieb zurück. Wie schon bei allen Einheiten zuvor schloss Löw nach 15 Minuten die Tore für die Öffentlichkeit und ließ im Geheimen trainieren.

In vorderster Linie soll Kevin Kuranyi, zuletzt mit drei Treffern in drei Länderspielen nach WM-Denkpause schon Torschütze vom Dienst, den in San Marino gleich vier Mal erfolgreichen Lukas Podolski ersetzen. Neben dem derzeit verletzten Münchner hatten beim 13:0 in Serravalle Schweinsteiger (2), Klose (2), Hitzlsperger (2), Ballack, Manuel Friedrich und Bernd Schneider getroffen. Letzterer wird dieses Mal nicht nur Michael Ballack als zentrale Figur im Mittelfeld ersetzen, sondern der Leverkusener übernimmt auch die Kapitänsbinde.

Für den in den vergangenen Monaten schwächelnden und in der Vorbereitung abgetauchten Klose soll das Scheibenschießen gegen den 195. der 207 Länder umfassenden Weltrangliste zu einem persönlichen Befreiungsschlag werden. Kuranyi, der aus eigener Erfahrung die Krise seines Angriffskollegen nachempfinden kann, versprach Klose alle Unterstützung: Die Mannschaft wird ihm auf jeden Fall helfen, Selbstvertrauen zurück zu bekommen. Und auch Ex-Stürmer Bierhoff ist überzeugt davon, dass dem WM-Torschützenkönig von 2006 das eine oder andere Törchen auch mit Blick auf das Slowakei-Spiel helfen wird.

Das Duell gegen das unweit von Rimini gelegene San Marino als ganz kleine Nation in Fußball-Europa, die selbst in Italien eigentlich keinen interessiert, wie Bierhoff bemerkte, kommt für Klose & Co. gerade recht. Zumindest nimmt die im Vergleich zum 2:1-Sieg gegen Tschechien auf drei Positionen veränderte DFB-Elf den Heim-Rekord ins Visier, der aus dem Jahr 1940 datiert. Damals schlug die Mannschaft um den jungen zweifachen Torschützen Fritz Walter Finnland in Leipzig mit 13:0. Für den späteren Weltmeister und Kult-Kicker Walter war es erst das zweite Länderspiel.

Eine Warnung allerdings gab es doch in der laufenden EM-Qualifikation: Die Iren sicherten sich ein knappes 2:1 in San Marino erst Sekunden vor dem Abpfiff. Deshalb wies Bierhoff zumindest auf eine kleine Gefahr hin: Die Saison ist zu Ende, einige Spieler waren halb im Urlaub - jetzt müssen wir das Tempo wieder anziehen. Kapitän Schneider, Torhüter Jens Lehmann sowie die neue Bayern-Flügelzange Philipp Lahm und Marcell Jansen müssen gegen die Amateure der Mini-Republik bei aller Angriffs-Wucht aber auch darauf achten, dass sie nicht eine weitere Gelbe Karte kassieren. Denn dann wäre das weitaus schwierigere Spiel gegen die Slowaken für sie gestorben, der vorzeitige Urlaub wäre wohl kein Trost dafür.

Zumal sich Lehmann, der in den Tagen von Herzogenaurach deutlich machte, dass er seine Stammposition im Tor auch im fortgeschrittenen Alter von 37 Jahren in absehbarer Zeit nicht freiwillig räumen will, auf einen geruhsamen Abend einstellen kann. Beim Hinspiel hatte der Wahl-Londoner beim Stand von 12:0 sogar einen Elfmeter selbst schießen wollen, doch Pfiffe der San Marino-Fans und der Respekt für den Gegner brachten ihn von diesem Plan ab.


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