München - Auch am Tag nach der erneuten schwarzen Nacht gegen den AC Mailand saß der Frust bei den schockierten Bayern tief, aber viel Zeit zum Wunderlecken ließ Ottmar Hitzfeld seinen Spielern nicht.
Die Augen öffnende 0:2-Niederlage gegen den individuell und kollektiv überlegenen Angstgegner sowie der Champions-League-K.o. trafen den deutschen Fußball-Rekordmeister wie ein Keulenschlag, aber nach dem geplatzten internationalen Titeltraum lauert der wahre Tiefschlag mit möglicher Langzeitwirkung in der Bundesliga. Jetzt wird die Charakterfrage gestellt, sagte Hitzfeld, nachdem er seiner Mannschaft den Ernst der Lage klar vor Augen geführt hatte: Jetzt müssen wir den Schalter umlegen.
Kapitän Oliver Kahn sprach von einer gefährlichen Situation, Manager Uli Hoeneß schlug sogar Alarm. Wir müssen schauen, dass wir wieder auf die Spur kommen und die Saison einigermaßen retten. Retten heißt, einen Champions-League-Platz zu erspielen, erklärte Hoeneß. Die erste Saison ohne Titelgewinn seit Hitzfelds Demission 2004 könnte der Rekordchampion noch als Betriebsunfall verbuchen, aber nicht Platz vier und nach zehn Jahren Dauerzugehörigkeit nur die Zuschauerrolle in der Königsklasse. Keiner will in der nächsten Saison im UEFA-Cup spielen, sagte Clubchef Karl-Heinz Rummenigge.
Regeneration und Autogramme für die trotz der Milan-Schmach am Vereinsgelände kreischenden Fans standen am Morgen danach auf dem Dienstplan von Kahn & Co. Hitzfeld hatte zuvor die Analyse der höchsten Champions-League-Heimniederlage kurz gehalten. Zu eindeutig war der Leistungsunterschied in der ausverkauften Allianz Arena gewesen. Man hat die beste Mannschaft Europas gesehen, schwärmte Kahn vom alternden Milan-Ensemble, das er nicht nur im Halbfinale gegen Manchester United vorne sieht. Milan ist mein Titelfavorit.
Zwei brillante Aktionen, die in den Toren von Clarence Seedorf (27.) und Bayern-Schreck Filippo Inzaghi (31.) mündeten, genügten. Das 0:2 war das Ende der Veranstaltung, stellte Rummenigge fest. Seedorf und Inzaghi zerschmettern die Bayern, kommentierte die Mailänder Gazzetta dello Sport. Das erste Tor kam aus dem nix - und das zweite war tödlich. Wir haben die gute Ausgangsposition des 2:2 vom Hinspiel in vier Minuten verspielt, sagte Nationalstürmer Lukas Podolski zerknirscht. Milan-Star Kaka berührte nochmals die deutsche Fußball-Seele, indem er an den bitteren Halbfinal-K.o. der Nationalmannschaft bei der WM 2006 erinnerte: Wir haben in Deutschland gespielt wie die italienische Nationalmannschaft.
Alle waren sich einig, dass wohl nur dann, wenn Podolski in der 12. Minute seine große Torchance genützt hätte, das Spiel vielleicht einen anderen Verlauf genommen hätte. Wenn, ja wenn?! Es war so - und fertig, haderte Podolski mit sich und der Fußball-Welt.
Und fertig? Die Champions-League-Saison ist für Bayern beendet, und mit dem Viertelfinale haben wir das Soll erfüllt, wie Hitzfeld zurecht bilanzierte. Aber personelle Konsequenzen sind dringend erforderlich. Die Qualität der Bayern 2007 reicht einfach nicht aus - nicht vorne, nicht hinten und ganz besonders im Mittelfeld, wo ohne den vorläufig ausfallenden Bastian Schweinsteiger (Knie-Entzündung) auch das letzte Stück Kreativität abhanden gekommen war. Wir wussten vorher, dass wir investieren müssen, kommentierte Rummenigge. Der Klassenunterschied gegen Milan sei kein Augenöffner gewesen.
Weltklassestürmer Luca Toni (AC Florenz) und Dribbel-Künster Arjen Robben (FC Chelsea) stehen ganz oben auf der Wunschliste - Geld genug ist da. Fast 40 Millionen Euro haben die Bayern in der Königsklasse wieder eingenommen. Die Frage ist, kriegt man die Spieler, betonte Franz Beckenbauer. Ein Weltstar auf der Spielmacher-Position sei für Bayern einfach nicht realistisch. Kaka, Ronaldinho, Deco oder Messi sind Träumereien, sagte der Vereinspräsident. Ein Beutezug in der Bundesliga, beim Hamburger SV (Rafael van der Vaart) oder Werder Bremen (Diego), wäre wie eh und je eher drin. Wir müssen versuchen, mit unseren Möglichkeiten eine Mannschaft zusammenzustellen, die Paroli bieten kann, sagte Hoeneß vage zur Transfer-Politik.
Milan hat 20 Spieler, die die gleiche Qualität haben, wir nicht, stellte der letztjährige Champions-League-Gewinner Mark van Bommel fest. International reicht es mit den Lells und Ottls nicht gegen Größen wie Kaka, Seedorf, Pirlo, Nesta, Maldini oder Inzaghi. Aber national soll es genügen, den Albtraum UEFA-Cup kann sich Van Bommel weiterhin nicht vorstellen: Das sind Negativ-Denker. Wenn wir alle sechs Bundesligaspiele gewinnen, sind wir mindestens Dritter.
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