Rom/Paris - Italien bejubelte den kleinen Fußballer mit dem großen Herzen, doch in Frankreich bleibt die Wahl Fabio Cannavaros zu Europas Fußballer des Jahres umstritten.
Ich widme die Auszeichnung Neapel, das sich in einem schwierigen Moment befindet, und seinen Kindern, die an ihre Träume glauben müssen, betonte der gebürtige Neapolitaner Cannavaro in Paris. Eine schöne Geste, lobte Italiens Staatschef Giorgio Napolitano den 33 Jahre alten Weltmeister. Wie Sportministerin Giovanna Melandri gratulierte er Cannavaro noch am Abend telefonisch zur verdienten Auszeichnung mit dem Goldenen Ball, den die italienische Schauspielerin Monica Bellucci in der französischen Hauptstadt an Cannavaro überreichte. Er ist ein magischer Fußballer, meinte die Sportministerin.
Cannavaro gab sich gewohnt bescheiden: Ich bin überglücklich. Als sie mich informierten, konnte ich es gar nicht glauben. Ich habe gedacht, das sei ein Scherz, sagte der Mann mit dem Kurzhaarschnitt. Wie beim 4:2 im Elfmeterschießen über Frankreich gewonnenen WM-Finale präsentierte sich Cannavaro in Paris wieder ganz als Teamspieler: Ich bin kein Maradona oder Zidane, die Spiele allein gewinnen können. Ohne die Hilfe der Mannschaft hätte ich es nicht geschafft.
Du bist das Gold von Neapel, jubelte der Corriere della Sera dagegen den Kapitän der Azzurri hoch, der sich mit grandiosen Leistungen bei der Weltmeisterschaft in Deutschland die Ehrung als kontinentale Nummer 1 verdiente. Er war der beste Spieler der WM, lobte ihn sein Trainer bei Real Madrid, Fabio Capello. Ihm war Cannavaro nach der Verurteilung von Juventus Turin im Ligaskandal zum Zwangsabstieg nach Spanien gefolgt. In Deutschland wurde der Abwehrchef der Squadra Azzurra zum Inbegriff des italienischen Erfolgs. Die Auszeichnung für Cannavaro sei daher auch eine Würdigung des gesamten Teams, betonte Weltmeister-Coach Marcello Lippi: Er war der fantastische Kapitän eines fantastischen Teams. Er war der Beste von allen und hat den Titel daher mehr als alle anderen verdient.
In den Lobeshymnen und Gratulations-Chören für Cannavaro ging die vor allem aus Frankreich kommende Kritik an der Wahl beinahe unter. Im Land der erneut unterlegenen Franzosen wurde auch am Tag danach die von der Fachzeitschrift France Football veranstaltete eindeutige Wahl Cannavaros vor Italiens Keeper Gianluigi Buffon und dem von der Grande Nation favorisierten französischen Stürmerstar Thierry Henry heiß diskutiert. Die Zeitung Le Parisien spürte angesichts Cannavaros eher mäßiger Nach-WM-Leistungen in Madrid ein leichtes Unwohlsein bei der im Pay-TV übertragenen schlichten Übergabe-Zeremonie. Cannavaro sei gar gezwungen worden, sich zu Video-Aufnahmen zu äußern, die ihn 1999 mit einer Injektionsspritze zeigen. Er betonte, es habe sich damals um einen Scherz gehandelt.
Wollen Sie, dass ich mich gleich aufrege?, sagte Nationaltrainer Raymond Domenech auf die Frage, wie ihm Cannavaros Wahl gefalle. Der von Journalisten vergebene Preis sei bedeutungslos. Man weiß, wie stark sich Journalisten irren können, meinte Domenech. Cannavaro ist ein guter Spieler, aber Thierry Henry hat die ganze Saison über entscheidender gespielt. Der wahre Goldene Fußball wird am 18. Dezember von der FIFA vergeben und für mich ist es Henry. Auch viele Italiener hätten die Auszeichnung mehr verdient als Cannavaro.
Der Trainer des französischen Spitzenreiters und Madrid-Bezwingers Olympique Lyon, Gérard Houiller, sprach nach Cannavaros Ehrung gar vom größten Skandal. Den Preis habe Henry verdient, der Jahr für Jahr mehr als 20 Tore schieße und seine Clubs in Champions League und in der WM ins Finale geführt habe. Und Frankreichs Ex-Nationalstürmer Jean-Pierre Papin, der 1991 den Goldenen Fußball gewonnen hat, sagte: Verglichen mit anderen Spielern verdient er es nicht. Er hat eine große WM gespielt, aber keine gute Saison. In Madrid hat man zudem gesehen, dass er große Probleme hat.
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