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Chef Löw: Klinsmanns Schatten ist weg | 2006-11-15


Nikosia - Der große Schatten seines Vorgängers ist verschwunden: Joachim Löw wird am Ende eines aufregenden Fußball-Jahres bei Fans und den eigenen Spielern nicht mehr als Nachfolger von Jürgen Klinsmann, sondern als neuer Nationalmannschafts-Chef wahrgenommen.

Er ist in der Arbeit noch selbstbewusster und dominanter geworden, seit er Cheftrainer ist, urteilte Kapitän Michael Ballack auf der letzten Länderspielreise des Jahres über den 46-jährigen Löw, der Klinsmanns Linie nicht nur fortgesetzt, sondern in vier Monaten schon viele eigene Akzente gesetzt hat. Und die Ergebnisse zeigen, dass er eine unglaublich gute Arbeit macht, ergänzte Ballack vor der Partie gegen Zypern.

In Deutschland wird zwar noch immer vom WM-Sommermärchen geschwärmt, doch mit der Löwschen Erfolgsserie in diesem Herbst hat sich das Interesse mehr und mehr auf den neuen Bundestrainer fokussiert. Wenn man diese Emotionen und diese Begeisterung im Sommer miterlebt hat, muss man sagen, das war wahnsinnig aufregend, sagte Löw am Ende des Länderspiel-Jahres. Der Freiburger wird nicht nur durch Sönke Wortmanns Film - seine Frau Daniela schaut sich zu Hause öfter einmal ein paar Ausschnitte an - an die begeisternden WM-Tage erinnert. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, erzählte Löw.

Torsten Frings, einer der Hauptdarsteller des WM-Sommers, bezeichnet Löw inzwischen als Glücksfall. Und auch Kaiser Franz Beckenbauer lobte den zehnten Bundestrainer in der Geschichte des DFB: Das passt, das ist alles harmonisch. Die Mannschaft spielt auf WM-Niveau weiter. Es ist das große Ziel von Löw, dieses Niveau in der deutschen Nationalelf wieder dauerhaft zu halten. Er weiß, wie er die Leute ansprechen und führen muss, findet immer den richtigen Ton, charakterisierte Amerika-Rückkehrer Klinsmann seinen einstigen Assistenten. Mit Jogi lebt meine Philosophie in der Mannschaft weiter, ergänzte Klinsmann.

Löw wusste, dass es eine große Chance für mich ist. Klinsmanns Philosophie fortzusetzen ist ihm allerdings nicht genug, er will noch mehr Präzision, noch mehr Innovation. Ich bin immer offen für neue Dinge, charakterisierte sich Löw selbst und nannte Kreativität und Zielstrebigkeit als eine seiner Haupteigenschaften. Der Bundestrainer hat im Eiltempo neue junge Spieler in die A-Elf befördert, hat ein Eliteprojekt angeschoben. Alle Talente, die in den nächsten Monaten den Sprung in die A-Nationalelf schaffen können, sind dabei erfasst.

Wir sprechen mit diesen Spielern und machen ihnen deutlich, dass sie ihre Zukunft auch selbst in der Hand haben, sagte Löw. Erfahrungen seiner Trainerstationen im Ausland fließen in die Konzepte ebenso ein wie die zwei Jahre als Klinsmann-Assistent: Ich konnte auf das Ganze schauen, auf Trends und Entwicklungen; musste mich nicht mit dem Gegner vom nächsten Wochenende beschäftigen.

Beharrlichkeit, Disziplin, Ordnung, Verantwortung für die eigene Entwicklung - das sind Stichwörter, mit denen er auf seine Spieler zugeht. Das ist wie bei einem Orchester, das kann auch nicht zusammenkommen und eine große Symphonie spielen. Da müssen die Musiker jeden Tag mit ihrem Instrument üben, sagte Löw. An meiner Arbeitsweise hat sich nichts geändert, berichtete der einstige U21- Nationalspieler von den Erfahrungen nach vier Monaten im Amt. Er müsse allerdings mehr repräsentieren, bekommt mehr Aufmerksamkeit und arbeitet intensiver mit den Medien. Es ist aber wichtig, dass man seiner Linie treu bleibt, betonte Löw.

Dass der Bundestrainer Löw wesentlich mehr in der Öffentlichkeit steht als der Assistent Löw bekam er in den vergangenen Wochen auch schon zu spüren. Manchmal kommt jemand mitten in einem Gespräch und setzt sich mit an den Tisch, erzählte Löw. Eine Boulevard-Zeitung veröffentlichte ein Paparazzi-Foto des Bundestrainers in Badehose, mit iPod im Ohr und Zigarette im Mundwinkel auf einer Pool-Liege. Inzwischen hat er das Rauchen aufgegeben und festgestellt, dass mir eigentlich nichts fehlt. Löw weiß, die größeren Stürme kommen noch: Das hängt natürlich vorrangig von den Ergebnissen ab.


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