Buenos Aires - Der argentinische Fußball erlebt eine bislang unbekannte Welle der Gewalt. Seit Monaten kommt es immer wieder zu Ausschreitungen. Wöchentlich werden Spiele abgebrochen oder gar nicht erst angepfiffen.
Die für Sonntag, den 22. Oktober, angesetzte Begegnung zwischen den Erstligaclubs Racing und Boca Juniors wurde aus Sicherheitsbedenken abgesagt, nachdem ein Richter entschieden hatte, dass bekannten Radaubrüdern, auch Barrabravas genannt, der Zutritt juristisch nicht verwehrt werden kann.
Eine kurze Auswahl aus der Gewalt-Chronologie der jüngeren Vergangenheit: Die Begegnung zwischen Colón und Velez musste frühzeitig beendet werden, als ein Schiedsrichterassistent mit einem Wurfgeschoss von der Tribüne verletzt wurde. Am 8. Oktober lieferten sich die Anhänger von Newells und Belgrano heftige Prügeleien in und außerhalb des Stadions. Am 14. Oktober wurde das Zweitligaspiel zwischen Olimpo und Ferro nach schweren Ausschreitungen auf den Rängen abgebrochen. Laut der Zeitung La Nación ist statistisch alle 2,65 Tage ein Vandalenakt zu beklagen. Am gefürchtetsten sind die Barrabravas von Boca, River, Newells Old Boys und Rosario Central.
Anders als etwa in England ist es im Land des zweifachen Weltmeisters bislang nicht gelungen, den gewalttätigen Auswüchsen Einhalt zu gebieten. In einem Kommentar für die Zeitung Clarín mutmaßte der Soziologe Pablo Alabarces, dass für diesen Umstand weniger Unvermögen als vielmehr Unwille seitens der verantwortlichen Autoritäten, unter anderen auch des nationalen Verbandes AFA, verantwortlich sei. Nichts ist geschehen und nichts wird geschehen, lautete das bittere Fazit. Eine Ansicht, die auch von Teilnehmern einer Fernsehdiskussion vertreten wurde. Sie erhoben schwere Komplizen-Vorwürfe vor allem gegen die Justiz aber auch gegen die Clubs. Aufrichtige Richter würden sogar bei ihrer Arbeit behindert.
Auch die Polizei genießt bei der Bekämpfung der Gewalt in und um die Stadien zweifelhaftes Ansehen. Für Alabarces sind die Beamten wahre Experten im Hervorrufen und nicht im Verhindern von Zwischenfällen. Gegen einfache Fans würde mit undifferenzierter Gewalt vorgegangen, während die Drahtzieher der Randale in der Regel ungeschoren davonkommen, lautet ein vielgehörter Vorwurf unter Fans.
Die Fälle des illustren Anführers der Boca-Barras La Doce, Rafael di Zeo, der sich dank guter Beziehungen immer wieder geschickt aus juristischen Problemen herauswinden könne, und des 17 Jahre alten Defensores-Anhängers Fernando Blanco sprechen ihrer Meinung nach Bände. Der Teenager war im vergangenen Juli nach Gewaltexzessen bei einem Zweitligaspiel von der Polizei festgenommen und schwer misshandelt worden. Er starb wenig später im Krankenhaus. Die Behörden versuchten, den Fall zunächst zu vertuschen. An den Ausschreitungen war Blanco völlig unbeteiligt gewesen.
Laut Alabarces bestehen traditionell unheilvolle Verbindungen, auch geschäftlicher Natur, zwischen den Barrabravas und der Politik, auch wenn dies offiziell niemand zugeben will. Für Security-Dienste etwa agierten die Mächtigen in Nadelstreifen als Finanziers oder schützende Hintermänner, etwa bei Drogengeschäften. Manche Kommentatoren sehen den Fußball bereits in einer Art Kriegszustand. Sarkastisch bezog sich ein Teilnehmer der genannten TV-Diskussion auf den preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz, der den Krieg einmal als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln definiert hatte.
Die mafiösen Verbindungen zur Politik unterscheiden Experten zufolge die Barrabravas von europäischen Hooligans, die in der Regel aus einem völlig isolierten Feld heraus agierten. Die Loyalität gegenüber dem eigenen Verein ist bei der argentinischen Stadion- Guerilla mitunter ebenfalls speziell ausgeprägt: Laut dem ehemaligen Richter Mariano Bergés befinden sich viele Clubs in Geiselhaft und deckten darum deren kriminelle Machenschaften. Anderen Quellen zufolge sollen nicht wenige Spieler Schutzgeldzahlungen an den gewaltbereiten Anhang leisten.
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